Mittwoch, 27. Oktober 2021

03.12.2015
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Bomben für den IS und die Angst vor Silvesterböllern

Bomben für den IS und die Angst vor Silvesterböllern
Anstatt ein Feuerwerk für Freiheit und Demokratie abzubrennen, ängstigen wir uns zu Tode. Von Matthias Heitmann

Ich bin ein Gegner des Einsatzes der Bundeswehr in Syrien. Dies aber nicht aus pazifistischen Motiven oder weil ich glaube, dass man sich mit der Terrormiliz „Islamischer Staat“ irgendwann zu Verhandlungen an einen Tisch setzen kann, wenn man nur fest dran glaubt. Es wäre schön, wenn Bomben auf Terroristenstellungen in Syrien oder Irak das Problem des Terrors lösen könnten. Doch leider halte ich diesen Glauben für ebenso naiv wie den an Verhandlungslösungen.

Mein Problem ist also, dass sowohl die Befürworter als auch die Gegner des Bundeswehreinsatzes mich nicht überzeugen. Die Befürworter sagen: Wir müssen irgendetwas tun, sonst wird es gefährlich. Die Gegner sagen: Wir dürfen nichts tun, sonst wird es gefährlich. Bei beiden ist also die Motivation für die eigene Entscheidung die Angst, gemischt mit einer gehörigen Portion Ratlosigkeit. So kann leider weder ein Krieg gewonnen noch der Frieden bewahrt werden.

Damit keine Zweifel aufkommen: Der Terror muss besiegt werden, und die modernen westlichen Werte wie Freiheit und Demokratie müssen über die Vorstellungen religiöser Fanatiker triumphieren. Dieser Sieg der Vernunft wird aber nicht dadurch zu erringen sein, dass seltsame Anti-IS-Koalitionen geschmiedet werden, an die niemand glaubt und deren Klebstoff einzig die Angst vor dem IS selbst ist. Damit geht man dem Terror sehenden Auges in die Falle.

Ähnlich am Thema vorbei gehen auch die Bomben, die man auf Raqqa wirft. Der Terror, mit dem es die Welt zu tun hat, stammt nicht von dort, sondern er entspringt vielfach unseren eigenen Gesellschaften. Und nicht nur dass: Solange wir uns terrorisieren und verängstigen lassen, weil wir an unsere eigenen Werte nicht mehr glauben, solange wird auch der Terror existieren, selbst dann, wenn der IS schon lange Geschichte ist. Schließlich gab es den Terror schon, als wir alle noch nie vom IS oder von Raqqa gehört hatten.

Das Bombardieren von Syrien ist also nicht nur ziel- und nutzlos in der Sache, sondern verschleiert die westliche Feigheit, sich den eigentlichen Problemen zu stellen, hinter einem scheinbar entschlossenen Eingreifen. Um dem Terror tatsächlich seine Schlagkraft zu nehmen, müsste die westliche Welt selbstbewusst und offensiv ihre eigenen Werte verteidigen. Der Erfolg des Terrorismus ist nicht der Stärke von Terrormilizen und ihrer Strategien zu verdanken, sondern er ist die Folge unserer eigenen Schwäche, unserer Selbstzweifel und unserer Zerstrittenheit.

Was wir bräuchten, wäre ein Feuerwerk der Freiheit, der Offenheit, der Aufklärung und der Demokratie. Doch anstelle eines solchen Feuerwerks denken deutsche Politiker darüber nach, Silvesterböller zu verbieten, weil sich die Menschen gerade in Zeiten des Terrors dadurch verängstigen lassen. Wir wollen Terroristen besiegen, fürchten uns aber vor den Menschen, die vor Krieg fliehen, da sie angeblich unsere Lebensweise bedrohen und sich Attentäter unter sie mischen könnten. Wir reden von westlichen Werten, haben aber Angst vor unserer eigenen Freiheit, da diese missbraucht werden kann.

Wir reden von Krieg, diskutieren aber gleichzeitig darüber, ob der Text der französischen Hymne zu brutal ist und wir den Terror vielleicht selbst verursacht haben. Nein, wir haben den Terror nicht verschuldet. Schuld wären wir nur daran, dass er gewinnt. Um das zu verhindern, müssen wir unsere eigenen Werte erst einmal wieder für uns gewinnen und sie entschlossen leben. Dabei helfen uns keine Tornados, auch keine, die einsatzfähig sind.

Matthias Heitmann ist freier Publizist, Redakteur der BFT Bürgerzeitung und Autor des Buches „Zeitgeisterjagd. Auf Safari durch das Dickicht des modernen politischen Denkens“ (TvR Medienverlag, Jena 2015, EUR 19,90). Seine Website findet sich unter www.zeitgeisterjagd.de.

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