Samstag, 16. Dezember 2017

VIGNETTE | Menschlich korrekt

VIGNETTE | Menschlich korrekt
Andauernd ist die Rede vom politisch Korrekten. Wie soll ich Menschen mit dunkler Hautfarbe ansprechen, wie ein Schnitzel mit Paprika und Tomatensauce bezeichnen oder wie formuliere ich eine korrekte Anrede an einen geschlechtsneutralen Professor? Man geht davon aus, dass die Sprache unser Bewusstsein bestimmt und sich durch andere oder neue Begriffe die Realität damit verbessern lässt. 

Eines der ältesten Beispiele ist „Frau“ oder „Fräulein“. Der frühe Feminismus kämpfte für die Abschaffung des Fräuleins. Ein weibliches Wesen sollte nicht mehr nach ihrem Beziehungsstatus definiert werden, also ob sie noch zu haben wäre oder nicht. Ob die generelle „Frau“ die Situation für die Weiblichkeit in Deutschland wirklich verbessert hat, mag jetzt mal dahin gestellt sein. Emanzipierten sich Frauen nicht vielmehr über konkrete politische Veränderungen wie Gesetze, die abgeschafft wurden, und die sich für heutige Zeiten kurios anhören? Das Bürgerliche Gesetzbuch schrieb beispielsweise vor, dass der Ehemann die Erlaubnis dazu geben musste, wenn eine Frau arbeiten gehen wollte. Erst 1977 wurde der Paragraph abgeschafft. Bis 1962 durften Frauen auch kein eigenes Bankkonto ohne die Zustimmung des Ehemannes eröffnen.

Ob Quote und Eingriffe in die Sprache einen weiteren emanzipatorischen Fortschritt bringen, darüber mag man streiten. Uns drängte sich nun eine ganz andere Frage auf: Warum wird das politisch Korrekte so heftig diskutiert, aber keiner spricht vom „menschlich Korrekten“? In anderen Jahrhunderten wurden ganze Abhandlungen über höfliches Verhalten geschrieben. In Internetforen verroht der menschliche Anstand zunehmend. Statt Argumente auszutauschen wird beschimpft und verhöhnt. 

Es wäre zu wünschen, das menschlich Korrekte wieder als Thema in den Mittelpunkt zu stellen, statt sich über das politisch Korrekte die Köpfe einzuschlagen.

Libera

Bild: CFalk/pixelio.de

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