Mittwoch, 20. März 2019

23.04.2016
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Alles süß und gut? Zucker im Visier der WHO

Alles süß und gut? Zucker im Visier der WHO
Die WHO macht wieder von sich reden und Blätter wieder der Spiegel übernehmen ungeprüft die Warnungen. Jetzt ist mal wieder Zucker dran. Angeblich schaden mehr als sechs Teelöffel pro Tag. Der Diplom-Ernährungswissenschaftler Uwe Knop hat sich das Thema vorgeknöpft und sieht darin eine verkappte Marketingaktion für künstliche Süßstoffe:

Die „globalen Gesundheitshüter“ der WHO haben mal wieder einen PR-Coup der besonderen Sorte gelandet: Ihre Forderung, den Zuckerkonsum auf 5% zu reduzieren, um die „Übergewichtsepidemie zu stoppen“, verbreitete sich wie ein mediales Lauffeuer. Spiegel.de brachte es auf den Punkt: „WHO empfiehlt nicht mehr als sechs Teelöffel pro Tag“. Machen wir es kurz und schmerzlos: „Diese Forderung ist offenbar eine verkappte Marketingaktion für künstliche Süßstoffe, denn es gibt nicht einen einzigen soliden Beleg, dass Zucker dick oder krank macht“, erklärt Udo Pollmer, wissenschaftlicher Leiter des Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften (EU.L.E. e.V.).

Selbst bei der Karies haben ihm inzwischen die Säuren (egal ob in Gummibärchen oder Obst) den Rang abgelaufen: Sie greifen den Zahnschmelz an – und zwar sofort beim Konsum. Auch als Diabetes-Ursache taugt der Zucker nicht, obwohl jahrzehntelang vergeblich versucht wurde, einen Zusammenhang zu konstruieren. Die Idee, die Zuckerkrankheit aus der Zahl der Würfelzucker abzuleiten, ist so intelligent, wie ...den Wasserkopf auf eine Überdosis Mineralwasser zurückzuführen oder vor Pilgerreisen zu warnen, weil sonst eine Wanderniere drohe.

Inzwischen sollte es Allgemeinwissen sein: Es sind vor allem die schlanken Kinder, die hinter Süßem her sind, weil sie aufgrund ihres Körperbaus schnell Körperwärme, also Energie verlieren. Korpulente sind durch ihre Fettschicht gut isoliert - und deshalb machen sie sich aus Süßkram meist weniger als die Spargeltarzans. Letztere brauchen leichtverdauliche Energielieferanten.

Würde man die 6-Teelöffelchen Zucker der WHO ernst nehmen, dann dürften Naschkatzen gerade mal eine Portion Vanillepudding am Tag verzehren oder ein ordentliches Honigbrötchen – und schon haben sie ihr Kontingent ausgeschöpft. Wobei es natürlich deutliche Schwankungen nach unten oder oben gibt, je nachdem wie groß „Löffelchen“, „Portion“ und „Zuckerzugabe“ ausfallen. „Dieser Ernährungsempfehlung fehlt nicht nur die fachliche Grundlage, sie ist komplett alltagsfern und dient bestenfalls dazu, den Familienfrieden zu stören“, urteilt Ernährungswissenschaftler Uwe Knop.

Gravierender als der Streit um die Interpretation epidemiologischer Daten ist die Definition von „Freiem Zucker“, denn Zucker ist ein natürlicher Bestandteil vieler Nahrungsmittel wie Früchte oder Leber (Glycogen): „Freie Zucker beinhalten“, so die WHO, „Monosaccharide und Disaccharide, die Lebensmitteln von Herstellern, Köchen oder Verbrauchern zugesetzt werden, sowie Zucker, die natürlicherweise in Honig, Sirupen, Fruchtsäften und Fruchtsaftkonzentraten enthalten sind.”

Wer demnach Tafeltrauben mit über 15 Prozent gelöstem Zucker verzehrt, der hat keinen Zucker verspeist. Wer hingegen eine Apfelsaftschorle aus Apfelsaftkonzentrat trinkt, konsumiert zwar zwei Drittel weniger Zucker – aber dafür zählt dieser gemäß WHO als vermeintlicher Dickmacher. Gleiches gilt für denjenigen, der sich seinen Tee mit Honig süßt. Es bleibt vollkommen rätselhaft, warum Zucker in Obst „harmlos“ und in Obstsäften „riskant“ sein soll. Der Hinweis, bei Obst habe man keine Schäden zu erwarten oder zu befürchten, ist eine faule Ausrede. Denn Kernobst verursacht aufgrund seines Fructoseüberschusses bei empfindlichen Personen Verdauungsprobleme.

Da fragt man sich natürlich, warum der Milchzucker (ein Disaccharid) in der Aufzählung fehlt. Die WHO begründet es damit, dass der Milchzucker in der Milch (ein Getränk wie Säfte) natürlich und damit unbedenklich sei. Was würden die Experten wohl sagen, wenn sie wüssten, dass bei der Milchverarbeitung jährlich weltweit etwa 1 Million Tonnen Lactose anfallen, die unserer Nahrung wieder zugesetzt werden. Quark hat deshalb heute einen deutlich höheren Lactosegehalt als früher, Backwaren werden damit angereichert und durch enzymatische Hydrolyse lässt sich daraus ein probates Süßungsmittel herstellen.

Es bleibt unerfindlich, warum diese „versteckten“ Zucker in der WHO-Guideline keine Erwähnung finden, sind doch gerade aufgrund der weltweit sehr verbreiteten Lactose-Malabsorption gesundheitliche Beschwerden damit verbunden. Bei Rohrzucker sind derartige Beschwerden unbekannt. Immerhin ist auch der Malzzucker im Bier nach dem Weltbild der WHO ebenfalls kein Zucker. Na denn Prost!

„Ahnungslosigkeit in der Herstellung von Lebensmitteln, ihrer Zusammensetzung und Wirkung ist offenbar die beste Voraussetzung, um auf internationaler Ebene der Menschheit beim Essen Angst einzujagen“, resümiert Pollmer.

Fazit: Wer weniger als sechs Teelöffel Zucker pro Tag empfiehlt, der sollte seine Blutzuckerspiegel untersuchen lassen – vielleicht ist das Oberstübchen mit diesem, seinem wichtigsten Treibstoff bereits unterversorgt und halluziniert!

Uwe Knop ist Diplom-Ernährungswissenschaftler. Der „Ernährungsunsinn des Monats“ erscheint regelmäßig – und zwar immer anlässlich grob fahrlässiger Ernährungs-PR von Universitäten, Instituten, Organisationen oder Industrie  hier auf der Website des Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften (EU.L.E)

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