Dienstag, 25. Februar 2020

17.06.2016
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Rauchen am Bahnsteig: ein zugiges Vergnügen zwischen vollen Zügen

Rauchen am Bahnsteig: ein zugiges Vergnügen zwischen vollen ...
In seiner Glosse „Grenzen sind nun mal Grenzen“ (15.6.16, Hamburger Abendblatt, S. 11) macht sich Alexander Schuller Gedanken über die Sinnhaftigkeit von Raucher-Reservaten auf zugigen Bahnsteigen. Da ja, wie er ausführt, das „Inhalieren und Ausstoßen von Nikotin, Kondensat, Teer und ungefähr 1000 weiteren chemischen Verbindungen, die sich in einer Zigarette versammeln, … längst als viel gefährlicher angesehen [wird] als der Ausstoß aller Braunkohlekraftwerke zusammen“, werden „einerseits immer mehr großflächige Schutz- und Klimazonen für Nichtraucher eingerichtet, andererseits aber auch immer kleinere Reservate für diejenigen, die das Qualmen in der Öffentlichkeit einfach nicht lassen können oder dies sogar wollen“.

Als federführend und richtungsweisend nennt Schuller hier die Deutsche Bahn, die auf ihren Fernbahnsteigen – „am äußersten Ende des Abschnitts A sowie am gegen überliegenden äußersten Ende des Abschnitts H – mit leuchtend gelber Signalfarbe jeweils etwa zehn Quadratmeter große Rechtecke auf den Beton malen ließ, in deren Mitte ein zumeist überquellender Großraumaschenbecher vor sich hin stinkt“.

Hier ist man Raucher, hier darf man es sein, freilich nur im Stehen, aber dafür wenigstens bei Wind und Wetter. Wie gebannt verharrt man innerhalb der, wie Schuller wohl nachgemessen hat, 7,5 Zentimeter breiten, leuchtend gelben Linie, die der Fuß nicht übertreten darf, solange die Hand nicht leer und der Aschenbecher voll ist.

„Manchmal“, so gibt Schuller aber unumwunden zu, „juckt es mich einfach, diesen imaginären Todesstreifen zu übertreten. Mit nur einem Fuß, und das auch nur halb. Um dann von jemand Außenstehendem augenblicklich eine Zurechtweisung zu erfahren, und ich schwöre Ihnen: Die kommt garantiert. Ganz gleich, in welche Richtung der Wind die Rauchschwaden treibt.“ Ich kann Schuller verstehen. Und manchmal juckt es mich, in solchen Situationen mein Nichtraucher-Los für einen kurzen Moment zu ignorieren, um den Charme des schelmenhaften Grenzübertritts zwischen vollen Zügen einmal wieder genießen zu können.

Noch schöner ist es nur, den am eingebildeten Raucherkasten vorbeieilanden Bahnkunden dabei zuzusehen, wie sie strammen Schrittes plötzlich einer geballten Nikotinladung entgegentreten, um nicht zu sagen, mit dem Kopf durch eine Feinstaubwand hindurchstoßen in der Hoffnung, der Wind möge nicht in diesem Moment drehen. Innerhalb der gelben Umrandung indessen kuschelt man sich aneinander, meist um die zwischenzeitlich zu offenen Feuerstellen mutierten Aschenbecher herum, die alsbald beginnen, neben immer dichter werdenden Rauchschwaden auch ein wenig Wärme abzustrahlen.

Dass gerade auf Bahnsteigen, die gemeinhin zu den zugigsten urbanen Orten überhaupt gehören, das Zusammenpferchen von Rauchern beinahe ausschließlich den sich an diesen Zonen der zum Himmel stinkenden Ausschweifung vorbeidrückenden Nichtrauchern schadet, wird wohl auf ewig Anlass für Kopfschütteln bleiben. Denn die Freiluft-Raucherzone ist und bleibt sinnbildlich für die Entmündigung, Verdummung und Gängelung von rauchenden wie nichtrauchenden Mitbürgern in unserer Bevormundungsgesellschaft – und dabei ungefähr so sinnvoll wie Nichtpinkler-Bahnen im Schwimmbecken.

Matthias Heitmann ist Redakteur der BFT Bürgerzeitung und Autor des Buches "Zeitgeisterjagd. Auf Safari durch das Dickicht des modernen oplitischen Denkens". Seine Website findet sich unter www.zeitgeisterjagd.de

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