Dienstag, 25. Februar 2020

02.05.2016
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Warum alle Religionen Ideologien sind

Warum alle Religionen Ideologien sind
Nach den islamkritischen Aussagen der AfD wurde viel über die Grenze zwischen Religion und Ideologie diskutiert. Dabei besteht da kein Unterschied. Alle Religionen versuchen, das Handeln von Menschen zu steuern und damit in die Gesellschaft einzugreifen, sagt Alexander Grau.

In Deutschland gibt es über Parteigrenzen hinweg einen unumstößlichen Grundkonsens. Er lautet: Religionen sind keine Ideologien. Und wer Religionen ideologisiert, missbraucht sie. Da ist man sich einig, von der AfD bis zu den Grünen.

Gestritten wird lediglich darüber, als was nun der Islam zu gelten hat. Ist er eine Ideologie oder eine Religion? Oder vielleicht eine Religion, die von manchen als Ideologie missbraucht wird? Dass auch Religionen Ideologien sein könnten, politische noch dazu, scheint geradezu ausgeschlossen. – Wenn die ganze Debatte nicht so erschütternd wäre, könnte man anfangen zu lachen.

Ideologien sind immer politisch
 
Denn natürlich sind Religionen Ideologien. Alle. Ohne Ausnahme. Was sollten sie bitteschön sonst sein?

Schauen wir kurz auf den Begriff „Ideologie“: Ohne die Ideologiedebatte der letzten zweihundert Jahre langatmig zu rekapitulieren, kann man vielleicht sagen: Eine Ideologie ist ein System von Überzeugungen (Ideen), deren Wahrheitsanspruch sich jeder Überprüfung entzieht. Ideologen erheben Aussagen, die bestenfalls subjektive Gültigkeit haben können, zu objektiven und allgemeingültigen Tatsachen. In der Regel handelt es sich dabei um Werte oder Normen.

Deshalb sind Ideologien auch immer politisch. Sie zielen darauf ab, bestimmte Werte und Normen durchzusetzen, also das Handeln von Menschen zu steuern. Wer das Handeln von Menschen normativ reglementieren möchte, greift jedoch in die Gesellschaft ein. Er handelt politisch. Eine apolitische Ideologie gibt es daher nicht.

Auch Religionen sind politisch
 
Religionen sind somit geradezu das Paradebeispiel für Ideologien: Sie behaupten objektive Werte und begründen deren Allgemeingültigkeit damit, dass diese durch eine objektiv gegebene, aber letztlich nicht nachweisbare (weil transzendente) Institution eingesetzt wurden – in der Regel durch einen Gott.

Religionsvertreter weisen den Ideologiestatus von Religionen regelmäßig empört zurück. Für sie sind Religion natürlich keine Ideologien, sondern irgendetwas Höheres. Das ist nicht weiter verwunderlich. Viel erstaunlicher ist jedoch, dass selbst Vertreter des säkularen Staates mitunter so tun, als seien Religionen eine Art ideologiefreie Weltanschauung de luxe.

Was ein hanebüchener Unsinn! Was haben wir denn davon zu halten, wenn etwa Vertreter der christlichen Kirchen mit Blick auf die Bibel vehement gegen aktive Sterbehilfe trommeln? Ist das ideologiefrei? Oder unpolitisch?

Und wie verhält es sich mit der ablehnenden Haltung der Kirchen gegenüber der Abtreibung? Wie mit der katholischen Sexualmoral? Wie mit dem Agitieren der EKD gegen die Atomenergie? Ist das alles unideologisch? Sind das unpolitische Anmerkungen dank höherer Einsicht? Wer das glaubt, wird vermutlich wirklich selig.

Es gibt keinen ideologiefreien Moralismus
 
Nein, auch Religionen sind politische Ideologien. Und zwar unterschiedslos. Die feinsinnige Differenzierung in Religionen hier und politische Ideologie dort entbehrt jeder Grundlage.

Dass nun ausgerechnet die Politik und viele Medien sich diese absurde Unterscheidung zu Eigen gemacht haben, verwundert allerdings nicht. Denn sowohl in der Politik als auch in den Medien herrscht mitunter die irrige Überzeugung vor, der eigene Moralismus sei gleichsam ideologiefrei. Wer ideologisch so verblendet ist, dass er sich selbst für unideologisch hält, sieht auch das ideologische Potenzial von Religionen nicht.

Tatsächlich sind Ideologien unvermeidbar. Wir alle sind Ideologen! Doch in der Regel sind wir kompromissbereit und verzichten auf die Durchsetzung unseres Weltbildes, solange andere ebenfalls davon absehen, uns zwangszubeglücken. Selbst die christlichen Kirchen mussten unter dem Druck der Aufklärung lernen, dass sie nur eines unter vielen ideologischen Angeboten sind.

Unangebrachter Artenschutz gegenüber Religionen
 
Damit sind wir beim Islam. Auch der ist eine Ideologie. Und Ideologien können verfassungswidrig sein. Ihnen einfach das Etikett „Religion“ anzuhängen, reicht nicht. Zumindest ist es fragwürdig, Religionen Inhalte, Werte und Handlungen zuzugestehen, die wir weltlichen Ideologien niemals einräumen würden.

Anders formuliert: Die Karte „Religionsfreiheit“ zu ziehen und damit Normen verfassungsrechtlich durchzuwinken, die unter anderen Umständen als verfassungswidrig eingestuft würden, zeugt von gedanklicher Kurzatmigkeit. Und von einem vollkommen unangebrachten Artenschutz gegenüber Religionen. Eine Ideologie ist nicht deshalb unideologisch oder gar weniger gefährlich, weil sie sich auf eine transzendente Instanz beruft.

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Im Dezember 2014 erschien der von ihm herausgegebene Band „Religion. Facetten eines umstrittenen Begriffs“ bei der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig. Dieser Artikel erschien am 29. April 2016 in seiner Kolumne "Grauzone" bei Cicero Online.

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