Donnerstag, 20. Februar 2020

24.03.2016
| Gesellschaft | 0 | Drucken
Muss Gesundheit ein Ideal sein?

Die verlorene Unschuld der Gesundheit

Die verlorene Unschuld der Gesundheit
Muss Gesundheit ein Ideal und ein Lebensziel sein?

Jens Jessen hat in der aktuellen Printausgabe der Wochenzeitung „Die Zeit“ einen sehr interessanten Artikel veröffentlicht. In „Ruiniert eure Körper“ beschreibt er anschaulich, wie die Arbeitswelt zu einer Wohlfahrtsdiktatur verkommen ist. Dass er seinen Text einen „Aufschrei“ nennt, ist bezeichnend, auch seine biograpfischen Einlassungen sind es: „Ein Vorgesetzter, der mit Wohlwollen auf den kettenrauchenden Workaholic blickt, der seine Gesundheit zum Wohle des Betriebes ruiniert. Unvorstellbar heute. Aber ich schwöre: Ich habe diese Perspektive noch erlebt. (…)Während früher bei der Arbeit der Kopf stimuliert wurde, durch Kaffee, Zigaretten, in Konferenzen auch durch Cognac, wird jetzt der Körper trainiert. … Heute hat das Fitnessbike den Aschenbecher abgelöst.“

Doch bei amüsanten Bezügen belässt es Jessen nicht: „Die Gesundheit hat heute die Unschuld verloren. Gesundheit ist nicht mehr eine Frage des persönlichen Wohlbefindens und Wünschens, sondern eine Forderung des Arbeitgebers, wenn nicht gar eine moralische Kategorie. Gute Menschen leben gesund, schlechte Menschen leben ungesund.“ Das ist, wenn man es so formulieren mag, „starker Tobak“.

Und es wird klar, dass die Art, in der Öffentlichkeit und auch Gesetzgeber von „Gesundheit“ reden, nichts mit der wirklichen Gesundheit von Menschen zu tun hat. Jessen mahnt, sich nichts vormachen zu lassen: „…es geht bei den Kampagnen gegen Tabak nur am Rande um Gesundheit, es geht vor allem um die Bekämpfung eines Lasters, einer Sucht meinetwegen, jedenfalls eines vormodernen Verhaltens der Selbstschädigung, das so gar nicht in unsere Zeit der Selbstoptimierung, der Körperfixiertheit und Effizienzsteigerung passt.“

Am Ende des Artikels diskutiert Jessen die Frage, die leider heute kaum noch gestellt wird, die aber so wichtig ist: Wer sagt überhaupt, dass für ein sterbliches Lebewesen Gesundheit ein Ideal sein muss? Wen macht sie glücklich, welches ist ihr Lohn? Nur für eine Firma lässt sich der Gesundheitswert der Mitarbeiter in Heller und Pfennig ausrechnen. Vielleicht sollten wir aufhören, in der Angestelltenexistenz den Endzweck unseres Lebens zu sehen.“

So ist es.



Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren


Facebook Kommentar