Montag, 26. September 2016

17.03.2016
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Journalismus des Grauens – eine teuflisch praktische Anleitung

Journalismus des Grauens – eine teuflisch praktische Anleitu...
Matthias Heitmann analysiert anhand eines kurzen Artikels, wie offensichtlich und durchschaubar in deutschen Leitmedien Meinungsmache betrieben wird.

Wieder einmal bewirbt sich der „Spiegel“ um den inoffiziellen und noch nicht sehr bekannten Award „Öko-ZAR“. ZAR steht hier für „Zentralorgan der apokalyptischen Reiter“. Ins Rennen um den Award schickt das Hamburger Nachrichtenmagazin den heute auf seiner Website erschienen Beitrag „Rohstoffe: WWF warnt vor weltweitem Wassermangel“. In der Tat ist dieser Beitrag ein Paradebeispiel dafür, dass man mithilfe ganz einfacher Mittel eine zeitgeistkonforme apokalyptische Nachricht erstellen kann, ohne sich dabei dem Vorwurf der offenen Lüge auszusetzen. Nachfolgend werden sechs in diesem Spiegel-Artikel verwendete handwerkliche Kniffe anschaulich vorgestellt.

1. Die gezielte Begriffsentleerung durch alternierende Verwendung
Einfach den Begriff „Wassermangel“ abwechselnd mit "Trinkwassermangel" verwenden, damit der Unterschied verwässert wird. Dies ist wichtig, denn eigentlich ist „Wasser“ kein „Rohstoff“, der verbraucht werden kann. Man kann ihn bestenfalls bewegen oder mit anderen Stoffen mischen, verloren geht „Wasser“ dadurch jedoch nicht. Was verbraucht werden kann, ist Wasser in einem trinkbaren Zustand. Der Mangel von Wasser in diesem Zustand ist in der Tat ein Zivilisationsmangel, der aber behebbar ist (Wasseraufbereitung ist kein Hightech mehr). Doch dieser Umstand eignet sich nicht, um zu einem planetaren Umweltproblem verallgemeinert zu werden. Mehr in den heutigen Zeitgeist passt es, den Eindruck zu vermitteln, der Planet tropfe ins All und sei nicht zu retten.

2. Die tendenziöse Verwendung objektiver Zahlen
Natürlich kann man feststellen, dass weltweit 780 Millionen Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. Das ist ein erschütternder Beleg für regionale Unterentwicklung. Dennoch ist er in Perspektive zu setzen, denn Fakt ist auch: Anfang 2015 lebten 7,285 Milliarden Menschen auf der Erde. Es haben also fast 90 Prozent der Menschen Zugang zu sauberem Wasser. Für eine Welt mit zivilisierten Ansprüchen sind das 10 Prozent zu wenig; gleichzeitig kann aber davon ausgegangen werden, dass sich die Trinkwasserversorgung in den letzten Jahrzehnten eher verbessert als verschlechtert hat – trotz Bevölkerungswachstum und trotz Klimaveränderungen.

3. Die zeitgleiche Erwähnung nicht zusammenhängender Krisenszenarien
So will das eine Umweltschutzorganisation wie der WWF natürlich nicht stehenlassen. Lieber verbeißt er sich in Szenarien, die Situation könne sich bis 2050 verschlechtern, was zu „sozialen Katastrophen“ führen könne. Und aber auch zu ökologischen, denn: „Bereits in den vergangenen 100 Jahren seien weltweit mehr als die Hälfte der Flusssysteme, Moore und Seen verschwunden.“ Erneut springt man also auf eine andere Ebene, wir sind wieder beim Wasser – Moore gehören nicht zu bevorzugten Bezugsquellen von Trinkwasser.

4. Rückkehr aus der untergehenden Welt in die eigene Schuld
Damit nicht nur global und abstrakt der Untergang betrauert werden muss, ist es unabdingbar, am Ende einer solchen Verlautbarung die Kurve nach Hause zu kriegen. Als beste Form der Betroffenheit hat sich die persönliche Schuld erwiesen, zumal sie so vielfältig konstruierbar ist: Schließlich betreiben wir ja weltweit Handel und beschaffen somit Produkte, die in der Herstellung enorm viel Wasser benötigen. Aber auch durch unser eigenes persönliches Verhalten (Duschen, Waschen, Zähne putzen) tragen wir zur weltweiten Austrocknung bei.

5. Festigung der Message durch Verwendung flankierender Schlüsselbegriffe
Eine Nachricht ist ja nie nur eine Nachricht, sondern sie entfaltet ihre Wirkung erst in einem Gesamtzusammenhang. Diesen kann man auf verschiedene Arten beeinflussen und herstellen: zum einen durch die gezielte Entscheidung, eine WWF-Verlautbarung im hochgeschlossen-seriösen Wirtschaftsteil zu veröffentlichen, zum anderen durch die Bereitstellung zusätzlicher Informationen in Form von Verlinkungen, am besten durch das Setzen, Veröffentlichen und somit farbige Hervorheben von Schlüsselbegriffen. In dem hier behandelten Artikel ist dies außerordentlich gut gelungen, verlinkt wurden die Begriffe: „Menschenrecht“, „Trinkwasser“, „Katastrophen“, „Klimawandel“ und „Wirtschaft“.

6. Abschließende Veroffiziellung des Beitrags
Um dem Vorwurf der Meinungsmache gleich einen Riegel vorzuschieben, ist es ratsam, die Autorenschaft hinter Kürzeln zu verbergen. Dies ist insbesondere dann möglich, wenn als Urheber der im Artikel genutzten Informationen eine so hochangesehene und über alle Kritik erhabene Nichtregierungsorganisation von Weltruf angegeben werden kann wie die Umweltstiftung WWF. Noch sinnvoller ist es, am Ende des Artikels darauf hinzuweisen, dass der Beitrag mit Material der Deutschen Presseagentur (dpa) erstellt wurde. Wer dies beachtet, ist bestens geschützt, sozusagen „wasserdicht“.

In allen sechs Qualitätskategorien kann der analysierte Beitrag Bestnoten vorweisen. Der Spiegel gehört für mich damit zu den Favoriten bei der diesjährigen Verleihung des „Öko-ZAR“.

Matthias Heitmann ist freier Publizist, Redakteur der BFT Bürgerzeitung und Autor des Buches „Zeitgeisterjagd. Auf Safari durch das Dickicht des modernen politischen Denkens“. Seine Website findet sich unter www.zeitgeisterjagd.de.


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