Montag, 23. Oktober 2017

31.10.2016
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Reformationstag - Planschen im lauwarmen Wasser des Zeitgeistes

Reformationstag - Planschen im lauwarmen Wasser des Zeitgeis...
Im Vorfeld des Reformationstages wurden sinnentstellende Luther-Produkte angeboten. Das Schlimme daran: Peinlichkeiten und Plattitüden ist man von der Evangelischen Kirche mittlerweile gewohnt. Dennoch ist dies ein eher abgestandener Vorgeschmack auf das Jubiläumsjahr. Findet Alexander Grau.


Am Montag trat er in seine letzte, heiße Phase: der Countdown zum großen Reformationsjubiläum. Und weil die verantwortlichen Kirchen in ihrem verzweifelten Bemühen, modern, unverkrampft und zeitgeistnah zu wirken, jeden Marketing-Blödsinn mitmachen, kann man sich schon seit geraumer Zeit mit allem möglichen Nippes eindecken: vom Luther-Keks und dem Luther-Bonbon mit (Achtung Anspielung) Apfelgeschmack über die Nylon-Frisbeescheibe „Hallo Luther“ bis zum unvermeidlichen Mousepad mit Luther-Rose und dem Reformationshammer für den ganz privaten Thesenanschlag.

Dass neben all den Luther-Kugelschreibern, Luther-Lesezeichen und Luther-Tassen tatsächlich auch noch der Kleine Katechismus zu kaufen ist (als Buch), wirkt da einfach nur noch fremd und deplaziert. Hätte man daraus nicht eine App machen können? Oder zumindest einen Comic?


30.442 Verse in drei Sätzen

Den unfreiwilligen Höhepunkt sinnentstellender Reformations-PR erreichte jedoch die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau, als sie unter dem Motto „Die ganze Bibel auf einem Bierdeckel“ den sinnigen Versuch unternahm, die 30.442 Verse der Bibel in drei Sätzen zusammenzufassen und als „Impulspost“ (kein Scherz) an ihre Mitglieder sendete. Wohl gemerkt: Sie stammt von einer Kirche, deren Selbstverständnis darauf beruhen sollte, dass das Seelenheil allein durch die Schrift („sola scriptura“) zu erlangen ist. Der Reformator hätte wahrscheinlich zum Reformationshammer gegriffen.

Das eigentliche Drama des zeitgenössischen Protestantismus liegt jedoch darin, dass kaum jemand von dieser kruden Mischung aus Peinlichkeiten, Opportunismus und intellektueller Belanglosigkeit überrascht sein wird.


Gemeinplätze in der Endlosschleife

Seit Jahrzehnten übt sich der offizielle Gremienprotestantismus in penetranter Anbiederung an alle Formen des Zeitgeistes. Man ist friedensbewegt, sozial und nachhaltig. Und weil einem darüber hinaus inhaltlich kaum noch was einfällt, recycelt man diesen semipolitischen Brei aus weltanschaulichen Gemeinplätzen in der Endlosschleife.

Ergebnis: Man ergeht sich in Plattitüden, deren Bedeutungslosigkeit und Opportunismus die Bezeichnung „Protestantismus“ geradezu konterkarieren. Eine stolze Denktradition, die einmal mehr als jede andere Konfession für Kultur, Bildung und Intellektualität stand, ist auf dem geistigen Nullpunkt angekommen – bösartige Menschen mögen sogar behaupten, darunter.

Nun hatte der Protestantismus, nicht zuletzt aufgrund der Bedeutung des Pietismus für seine Frömmigkeitskultur, schon immer einen ausgeprägten Hang zum Sentimentalen. Doch war diese Gefühligkeit immer eingebunden in eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Abgründen menschlicher Existenz. Der zeitgenössische Protestantismus suhlt sich hingegen in einem Kitsch, der befreit ist von jedem intellektuellen Ballast, einem weichgespülten Wellnessprogramm für die Angepassten und Scheinkritischen.


Ausführungsorgan politischer Korrektheiten

Was ein Abstieg! Dabei war der Protestantismus in seinen Anfängen und Hochphasen geprägt von intellektuellem Mut und der Entschlossenheit, sich angeblicher Modernität und Alternativlosigkeit zu widersetzen.

Protestantismus, das bedeutete einmal die Besinnung auf die tragische Verstrickung menschlicher Existenz in die Welt, aus der es keine billigen Ausflüchte gibt. Doch statt etwa darauf hinzuweisen, dass Verantwortung zu übernehmen bedeutet, schuldig zu werden, kultiviert man im EKD-Milieu lieber einen moralischen Maximalismus und flüchtet sich in ethischen Eskapismus.

In dem albernen Versuch, Menschen für sich dadurch zu gewinnen, dass man es ihnen bequem und einfach macht, proklamiert der institutionalisierte Protestantismus eine Werkgerechtigkeit, die politisch äußerst genehm daher kommt, den fundamentalen theologischen Einsichten Luthers aber Hohn spricht. Dazu passt, dass man sich als Ausführungsorgan politischer Korrektheiten anbiedert, in dem durchsichtigen Bestreben, an der Macht der Mächtigen selbstgefällig zu partizipieren.


Es gäbe viel zu erinnern

Bei so viel Selbstaufgabe ist es dann nur konsequent, dass man ausgerechnet von der katholischen Kirche als Kirche anerkannt werden möchte – so als ob der protestantische Kirchenbegriff jemals mit dem katholischen nur ansatzweise vereinbar gewesen wäre oder dies erstrebenswert sei.

Ja, es gäbe viel zu erinnern anlässlich von 500 Jahren Reformation: die Entdeckung der Freiheit des Christenmenschen, die Absage an leichtfertige Erlösungsformeln, die Besinnung auf die Begrenztheit menschlicher Möglichkeiten. Unbequeme Einsichten. Doch das Unbequeme scheut der verwaltete Amtsprotestantismus. Lieber planscht man munter im lauwarmen Wasser des Zeitgeistes. Werdet wieder protestantisch – werdet unzeitgemäß!


Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Im Dezember 2014 erschien der von ihm herausgegebene Band „Religion. Facetten eines umstrittenen Begriffs“ bei der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig. Dieser Artikel ist am 29. Oktober 2016 in der Cicero-Kolumne "Grauzone" erschienen.

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