Samstag, 24. Juni 2017

24.10.2016
| Gesellschaft | 0 | Drucken

Verschwörungstheorien: Keinen blassen Schimmer, aber eine Meinung

Verschwörungstheorien: Keinen blassen Schimmer, aber eine Me...
Unwissen und Inkompetenz stärken unser Selbstvertrauen. Doch die maßlose Selbstüberschätzung führt dazu, dass Menschen Fehleinschätzungen nicht bemerken. Alexander Grau über die Reichsbürger.

Kennen Sie Earth Flatters? Nicht? Muss man auch nicht kennen. Interessant ist die Bewegung aber dennoch. Und komisch dazu. Denn dabei handelt es sich um Leute, die der festen Überzeugung sind, die Erde sei eine Scheibe. Nun könnte man der naiven Meinung sein, dass es mehr als hinreichend Beweise dafür gibt, dass die Erde eben keine Scheibe, sondern – zumindest Pi mal Daumen – eine Kugel ist: Fotos von Astronauten, ein Blick aus einem hoch fliegenden Flugzeug oder Schiffe, die hinter dem Horizont verschwinden.

Aber diese Belege überzeugen Earth Flatters selbstredend nicht. Denn die Fotos der Astronauten könnten natürlich manipuliert sein. Und die Tatsache, dass wir alle die Erdkrümmung wahrnehmen, wenn wir aus einem Flugzeugfenster schauen, zeigt schließlich nur, wie sehr die durch Schulunterricht und Medien verbreitete Ideologie einer angeblich kugelförmigen Erde unsere Wahrnehmung manipuliert hat.

Selbstüberschätzung in der Evolution angelegt

So gesehen also, ist die bizarre These der selbst ernannten Reichsbürger, die Bundesrepublik sei völkerrechtlich illegal und das Deutsche Reich würde tatsächlich fortexistieren, weshalb alle hoheitlichen Ansprüche der angeblichen Bundesrepublik rechtswidrig seien, zunächst Ausdruck des alltäglichen Wahnsinns. Dass diese groteske Form der Realitätsverzerrung nun tragischerweise ein Todesopfer gefordert hat, zeigt aber auch, dass nicht jeder debile Schwachsinn auf die leichte Schulter genommen werden darf.

Doch was treibt Menschen eigentlich dazu, sich in solche Wahnsinnssysteme zu manövrieren? Dummheit allein ist es nicht. Und auch nicht ein Mangel an Information. Jeder Appell, solchem Irrsinn mit mehr und besserer Bildung entgegenzutreten, macht sich daher lächerlich.

Denn die tiefere Ursache solcher Wahnideen liegt psychologisch gesehen in der so genannte Overconfidence – also übersteigertem Selbstvertrauen. Das ist zunächst nicht besonders ungewöhnlich, im Gegenteil: Wir alle überschätzen uns maßlos, unsere Fähigkeit beim Autofahren, unsere Kompetenz im Beruf, unsere Begabung als Liebhaber. Die Gründe dafür sind evolutionärer Natur: Hätten sich bei unseren Urahnen die Selbstzweifler durchgesetzt, säßen wir noch immer auf den Bäumen.

Insofern ist es nicht einmal verwunderlich, dass Unwissen und Inkompetenz unser Selbstvertrauen auch noch stärken, wie eine immer wieder gern zitierte Studie der beiden Psychologen David Dunning und Justin Kruger aus dem Jahr 1999 zeigt. Der einfache Grund: Gerade ihrer Inkompetenz lässt Menschen Fehler nicht bemerken – und bestärkt sie in ihren Haltungen oder Handlungen.

Fatale Konsequenzen für Beurteilung von Politik

Bei der Beurteilung politischer Sachverhalte hat das fatale Konsequenzen, wie der Kognitionspsychologe Philip Fernbach in einem 2013 veröffentlichten Artikel zeigen konnte. Denn politische Fragen sind meist hoch komplex. Dennoch sind die meisten Menschen davon überzeugt, die jeweiligen Sachthemen zu durchschauen. Das ist natürlich eine Illusion. Tatsächlich haben die meisten Leute von den entsprechenden Problemen keinen blassen Schimmer – dafür aber umso handfestere Meinungen. Fernbach konnte sogar zeigen, dass die Vehemenz und Radikalität der Meinung zunimmt, je geringer Faktenkenntnisse sind (umgekehrt gilt das allerdings nicht: nicht jede radikale Meinung gründet in Unkenntnis). Kurz: Die Illusion, die Welt zu durchschauen, führt zu politischer Radikalisierung.

Doch die eigentliche Ursache für den grassierenden Irrsinn, für all die Reichsbürger, Chemtrail-Theoretiker, Earth-Flatters und 9/11-Truthers liegt in der Hypostasierung des kritischen Denkens, in der Entgrenzung einer sich selbst als Vernunft missverstehenden intellektuellen Regression.

Schutzräume des Wahnsinns

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“, schreibt Kant und lieferte damit nicht nur biederen Sonntagsrednern ein billiges Zitat, sondern auch das größte Ammenmärchen der Philosophiegeschichte. Denn die naive Vorstellung, man müsse sich nur „seines Verstandes“ bedienen, um sich gleichsam wie Münchhausen selbst ans Licht zu führen, markiert direkt den Weg in die wahnhafte Erleuchtung.

Kritisches Denken, das selbstverliebt nicht mehr möchte, als seine Kritikfähigkeit zu beweisen, verkommt zu einer Spielwiese egomaner Wirrköpfe und zum Nährboden verquaster Theorien. Das gilt umso mehr, als die Neuen Medien geradezu Schutzräume des Wahnsinns eröffnen, in denen das angeblich mündig gewordene Denken sich gegen jeden Einwand selbst immunisiert.

Wenn nicht alles täuscht, stehen wir am Anfang einer Entwicklung, an deren Ende sich die Aufklärung selbst aufgehoben haben wird. Nicht – wie noch Theodor Adorno oder Max Horkheimer meinten – im Sinne einer Machtergreifung der instrumentellen Vernunft (schön wär’s), sondern mit Hilfe einer medial induzierten Verneblung des Wissens im Namen des sich kritisch wähnenden Individuums.

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Im Dezember 2014 erschien der von ihm herausgegebene Band „Religion. Facetten eines umstrittenen Begriffs“ bei der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig. Dieser Artikel ist am 22. Oktober 20165 in seiner Kolumne "Grauzone" bei Ciero Online erschienen.

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren


Facebook Kommentar