Dienstag, 25. Februar 2020

08.08.2016
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Respektiert die Fremdheit des Fremden

Respektiert die Fremdheit des Fremden
von Alexander Grau

Aus Angst vor der Distanz haben wir verlernt, Fremdheit auszuhalten. Ein Plädoyer dafür, den Fremden wieder als Fremden ernst zu nehmen und nicht als eigentlich Gleichen zu vereinnahmen.

Der Fremde ist das Zwangsobjekt der postmodernen Gesellschaft. Insbesondere in den Milieus der Aufgeschlossenen und Neugierigen, der Weltgewandten und Offenen gilt er als Heilsbringer, als Erlöser aus Provinzialität und Enge, als Beweis der eigenen Weltläufigkeit und Toleranz und als Vehikel im Kampf gegen alles Rückständige.

Eine erstaunliche Karriere. Denn über Jahrtausende war der Fremde zunächst einmal das: der Fremde, der ganz Andere. Das Unbekannte aber war bedrohlich, entweder weil es überlegen war und daher gefährlich, oder weil es weniger weit entwickelt und insofern unheimlich war – „Barbaren“, wie die Griechen alle nannten, die eben kein Griechisch sprachen.

Die Verklärung alles Fremden

Man konnte sich aber mit dem Fremden arrangieren. Etwa für den Handel oder weil man Sicherheitsbündnisse zum wechselseitigen Nutzen brauchte. So praktizierten es die Römer über Jahrhunderte. Dennoch blieb der Fremde fremd. Um seine Fremdheit abzulegen, musste er sich bedingungslos assimilieren, er musste – bleiben wir bei Rom – eine römische Erziehung durchlaufen, römische Gebräuche annehmen und römische Sitten. Dann konnte der Fremde, nunmehr als Ex-Fremder, höchste römische Staatsposten einnehmen. Das Beispiel des Arminius zeigt, dass das nicht immer gelang, aber im Großen und Ganzen war das Römische Reich auch deshalb so erfolgreich, weil es über Jahrhunderte fremde Eliten assimilierte. Es ging unter, als seine Assimilationskraft erschöpft war.

Eine der prägendsten kulturellen Entwicklungen der europäischen Neuzeit ist die Xenophilie, die Verklärung alles Fremden. Sie war ein Nebenprodukt des Kolonialismus. Europäische Wissenschaftler, Künstler und Abenteurer begannen, sich für das Fremde zu begeistern. Das schlug durch bis in die Alltagskultur. Es gab die Orientmode, die Chinamode, die Südseemode. Vielen kritischen Intellektuellen galt das Fremde als Hort des Ursprünglichen und Naturbelassenen, als Refugium eines unverstellten Menschseins, von dem sich die europäische Zivilisation schon lange verabschiedet hatte. Dennoch – oder gerade deswegen – galt das Fremde als fremd, denn im Anderssein lag sein Wert.

Das Fremde wird als das eigentlich Gleiche umarmt

Doch für den aufgeklärten Bürger der westlichen Moderne gibt es das Fremde nicht mehr. Der Fremde ist nicht fremd, sondern eigentlich wie wir. Im Zeichen eines transkulturellen Humanismus wird das Fremde nicht mehr als das Fremde anerkannt, sondern als das eigentlich Gleiche umarmt. In einer paradoxen Wendung huldigt man dem Fremden, eben weil er nicht fremd ist. Das Fremde an sich wird gefeiert und im selben Moment geleugnet.

Konsequenterweise wird fremden Religion und Kulturen unterstellt, dass sie eigentlich das gleiche ideologische Programm verfolgen wie die europäischen Gesellschaften der Spätmoderne, dass sie tolerant und pluralistisch sind. Dementsprechend gelten alle Vertreter fremder Religionen und Kulturen, die sich diesem europäischen Projekt verweigern, als fehlgeleitet. Wenn im Grunde alle sind wie wir, dann kann der Fremde, der auf seiner Fremdartigkeit beharrt und weder tolerant noch pluralistisch sein will, nur ein Irrläufer sein.

Fremdheit wird dem aufgeklärten spätmodernen Weltbürger zur Folklore. Der Fremde darf andere Trachten tragen, andere Speiserituale pflegen und andere Bräuche. Doch für den liberalistischen, kosmopolitischen Europäer sind das nur Äußerlichkeiten, hinter denen er nichts anderes vermutet als die eigene Ideologie von Vielfalt, Universalismus und Weltoffenheit. Dass für andere Kulturen ihre Gepflogenheiten mehr sein könnten als eine äußerliche Kulisse, sondern Ausdruck ihrer Gewissheit, substantiell anders zu sein, erscheint ihm abwegig und rückständig. Auf jeden Fall aber unverständlich.

Wir ertragen die Differenz nicht mehr

Das Unvermögen, das Fremde als das Fremde zu erkennen, beginnt im Grunde schon innerhalb der westlichen Gesellschaften selbst. Alle sind gleich. Niemand ist anders. Und gerade im Anderssein beweißt sich die Gleichheit. Der existenzielle Blick dafür, dass zwischen jedem Individuum eine unüberbrückbare Distanz steht, dass jeder Nächste – ernst genommen – ein eigener, fremder Kosmos ist, dieser Blick ist der auf Umarmung gepolten Gesellschaft des Westens abhanden gekommen.

Wer jedoch unfähig ist, das Fremde im Nächsten, im oberflächlich Vertrauten zu sehen, dem geht der Blick für die Fremdheit des Fremden verloren. Der hat kein Gespür mehr dafür, dass Differenz Distanz bedeutet, dass es das Andere gibt, das ganz und gar Unvereinbare, der ertränkt alles in der Banalität angeblicher Gleichheit. Wir sollten wieder lernen, den Fremden als Fremden zu erkennen – und damit ernst zu nehmen.

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Im Dezember 2014 erschien der von ihm herausgegebene Band „Religion. Facetten eines umstrittenen Begriffs“ bei der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig. Dieser Artikel ist zuerst am 6.8.2016 in seiner Kolumne "Grauzone" bei Cicero Online erschienen.


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