Donnerstag, 20. Februar 2020

02.08.2016
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Die Gefahr ist unsere Droge

Die Gefahr ist unsere Droge
von Alexander Grau

Vor dreißig Jahren erschien das Buch „Risikogesellschaft“ vom Soziologen Ulrich Beck. Angesichts der jüngsten Terrorserie ist es relevanter denn je. Erklärt es doch, warum wir uns nicht den wirklichen Problemen zuwenden.

„Risiko!“ dräute einst Wim Theolke, wenn einer seiner drei Kandidaten zufällig eine Risiko-Frage gewählt hatte. Dann erscholl eine Fanfare und die Multifunktionswand blinkte bunt.

Was waren das für selige Zeiten. „Risiko“ war der Begriff einer Quizsendung, und das einzige, was man riskierte, war Geld, das einem sowieso noch nicht gehörte. Man wird nostalgisch. Inzwischen flirrt die Medienmaschine hysterisch im Dauerzustand und schreit uns permanent „Alarm!“ ins Ohr.

Risikogewissheit wird zum Lebensgefühl

1986, „Der große Preis“ lief schon seit zwölf Jahren, veröffentlichte der inzwischen verstorbene Soziologe Ulrich Beck sein berühmtes Buch „Risikogesellschaft“. Zu dessen Erfolg trug – neben der Katastrophe von Tschernobyl im selben Jahr – sicher bei, dass der Münchner Soziologe ein Lebensgefühl auf den Punkt brachte. Waldsterben, saurer Regen, Atomkraft, Nachrüstung, Pershing 2: das waren die bestimmenden Themen jener Jahre.

In diese Kerbe schlug nun Beck. Seine These: Die Moderne sei in eine neue Phase getreten, sie produziere zunehmend Risiken. Zugleich sei sie reflexiv geworden, was bedeute, dass sie diese verstärkt produzierten Risiken problematisiere und sich ihrer bewusst werde. Risikogewissheit werde zum Lebensgefühl.

Becks Diagnose passte so gut in den Zeitgeist, dass zunächst kaum jemandem auffiel, wie banal sie war. Denn Risiken haben Menschen immer produziert. Schon die Idee, auf zwei Beinen zu laufen, war risikobehaftet – Bandscheibenvorfall inklusive.

Der Kult ums Risiko

Sehr viel spannender war jedoch der zweite Teil von Becks These. Denn tatsächlich bilden sich spätindustrielle Gesellschaften ein, Risiken explizit zu benennen und nicht wie vormoderne Gesellschaften – etwa über religiöse Erzählungen – nur symbolisch zu verarbeiten.

Dieser Fortschritt hat allerdings einen Preis: Das Risikobewusstsein selbst wird zu einer sinnstiftenden Institution, der Kult ums Risiko dient der Kontingenzbewältigung. Der in jeder Hinsicht durchflexibilisierte, also bindungslos gewordene Mensch der Spätmoderne fühlt sich erst angesichts der Bedrohung verortet. Wo es keine Mitte mehr gibt, kein Halt und kein Zentrum, gibt allein das Bewusstsein der Gefahr Orientierung und Sinn.

Doch das Sinnstiftungspoteztial des Risikobewusstseins ist janusköpfig. Denn Risiken sind Risiken – also bedrohlich. Überhöht zur Orientierungsgebung, können sie Menschen beherrschen und paralysieren. Angsterkrankungen gehören daher zu den charakteristischen Pathologien moderner Gesellschaften.

Wir sind Risikojunkies

Also versucht der Mensch der Moderne, die Risiken zu beseitigen, von denen er sich bedroht sieht. Doch da allein das Risikobewusstsein ihm Halt und Sinn gibt, werden Risiken, kaum hat man sie halbwegs im Griff, durch neue, noch bedrohlichere Risiken ersetzt. Dem Sterben der Flüsse folgt die Atomkraft, dann Aids, schließlich das Ozonloch, BSE, die Vogelgrippe, die Finanzkrise, der internationale Terrorismus. Und wem das alles nicht reicht, der fürchtet sich vor Elektrosmog, Handystrahlung oder Aliens.

Wir sind Junkies, süchtig nach Risiken, die Ordnung in ein Leben bringen, das seine Ordnung verloren hat. Allein das Bewusstsein der Bedrohung verspricht Übersicht in einer Lebenswelt, die uns zunehmend überkomplex erscheint.

Das bedeutet zugleich, dass in Risikogesellschaften nicht das Risiko selbst reflektiert wird, so wie Ulrich Beck das noch vor 30 Jahren festzustellen glaubte, sondern das Risiko als Allegorie, als Bild für das Bedrohliche schlechthin. Gegenüber voraufklärerischen Gesellschaften ist der Fortschritt der Moderne hinsichtlich ihres Risikomanagements sehr viel geringer, als er uns selbstverliebten Bürgern der digitalen Wissensgesellschaft erscheint. Noch immer starren wir entsetzt auf die Apokalyptischen Reiter – und vergessen darüber mitunter die tatsächlichen Probleme.

Risiken müssen gesondert erlebbar sein

Und so kaprizieren wir uns auf Gefahren, deren tatsächliches Bedrohungspotenzial statistisch gesehen gering ist. Unser aller Wohlstand und Alltagsleben ist etwa durch die aktuelle Bankenkrise in Italien und die wirtschaftliche Gesamtsituation in Südeuropa sehr viel bedrohter als durch irgendwelche selbsternannten Gotteskrieger. Und auch Frankreich hat, bei Lichte betrachtet, sehr viel fatalere Probleme als die sicher fürchterlichen Terroranschläge.

Um zum Symbol für Bedrohung schlechthin zu werden, müssen Risiken gesondert erlebbar sein. Die faktischen Herausforderungen für unsere westlichen Gesellschaften sind aber weder punktuell noch sinnlich fassbar. Terror und Migration sind lediglich Symptome, die tatsächlichen Probleme liegen woanders. Dass insbesondere so genannte Risikogesellschaften unfähig sind, diese anzugehen, muss allerdings nachdenklich stimmen.

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Im Dezember 2014 erschien der von ihm herausgegebene Band „Religion. Facetten eines umstrittenen Begriffs“ bei der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig. Dieser Artikel ist zuerst am 30.7.16 in seiner Kolumne "Grauzone" bei Cicero Online erschienen.


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