Dienstag, 25. Februar 2020

05.07.2016
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Nach dem Brexit: Die EU ist nicht Europa

Nach dem Brexit: Die EU ist nicht Europa
Die Briten wollen nicht mehr Mitglied der EU sein und werden sofort als Anti-Europäer verunglimpft. Dabei läuft das politische Handeln der EU sogar darauf hinaus, an Europa das abzuschaffen, was europäisch war. Von Alexander Grau.

Nur zur Erinnerung und weil es der eine oder andere anscheinend vergessen hat: Europa gab es schon lange vor der EU. Und wenn alles gut geht, wird man sich dereinst – irgendwann in 300 oder 500 Jahren – an Europa erinnern, auch wenn man die EU schon lange vergessen hat.

Denn die EU und Europa sind zwei verschiedene Dinge. Deshalb kann man auch die EU kritisieren, ohne ein Kritiker Europas zu sein, oder man kann aus der EU austreten, ohne sich dabei von Europa und seinen Traditionen loszusagen. Das alles ist banal. Aber wir leben in Zeiten, in denen man solche Banalitäten offensichtlich noch einmal in Erinnerung rufen muss.

Die überdrehte und bisweilen hysterische Reaktion auf den Ausgang des britischen Referendums macht deutlich, dass vielen Politikern und nicht wenigen Medienvertretern die Fähigkeit abhanden gekommen ist, zwischen Europa und der EU zu unterscheiden.

Aristoteles, Platon, da Vinci, Juncker, Schulz

Das ist doppelt ärgerlich. Zum einen, weil hier die legitime Kritik an einer Institution zu einer Kritik an einer Kulturtradition umgebogen wird – in der leicht zu durchschauenden Absicht, die Kritiker der EU außerhalb des kulturellen Erbes von Aufklärung und Humanismus zu stellen. Zum anderen, weil die EU hier geradezu zur Verkörperung europäischer Kultur und zum Ziel und zur Erfüllung europäischer Geschichte erhoben wird. Man sieht sie geradezu vor sich, die Galerie großer Europäer: von Aristoteles und Platon über da Vinci und Michelangelo zu Juncker und Schulz. Wenn es nicht so ärgerlich wäre, müsste man Tränen lachen.

Es sei an dieser Stelle daher noch einmal daran erinnert: Europa ist ein Kulturraum. Oder besser vielleicht: Es war einmal ein Kulturraum, bevor man sich entschloss, ihn in seinem eigenen Namen abzuschaffen und durch einen Verwaltungsraum zu ersetzen. Denn die Voraussetzungen, auf denen Europa basierte, werden von der EU systematisch und mit großem Ehrgeiz eliminiert. Europa droht zu einer Erinnerung zu werden, zu einem melancholischen Vermächtnis einer Zeit, als es seine Stärke aus Wettstreit und Föderalismus bezog, aus Zusammenarbeit, wechselseitigem Einfluss und dem Ehrgeiz, besser, schöner und kultivierter zu sein.

Die Blütezeit Europas

Nie war Europa daher europäischer als in den dreihundert Jahren zwischen Dreißigjährigem Krieg und Erstem Weltkrieg. Es war die Phase, in der Europa die Welt eroberte und der innere Kulturaustausch eine Intensität erreichte, wie sie davor und danach ohne Beispiel ist: Italienische Baumeister errichteten St. Petersburg, flämische Maler bereisten Italien, deutsche Komponisten arbeiteten in England, britische Philosophen legten die Grundlage für die französische Aufklärung. Man könnte die Liste beliebig verlängern.

Europa war immer Austausch und Bewegung, wechselseitige Beeinflussung, die Entwicklung eines regionalen Eigenen aus dem Allgemeinen. Deshalb gibt es auch keinen europäischen Barock, sondern einen römischen, einen französischen, einen bayerischen und einen sächsischen. Europa ist Vielfalt und Differenz. Und wir können von Glück sagen, dass es damals noch keine EU-Kommission gab, die festgelegt hat, was gemäß EU-Verordnung als Barock zu gelten hat und wie die einzig korrekte Palmette auszuführen ist. Europa wäre nicht Europa geworden, sondern schon damals EU-Land.

Vereinheitlichung statt Pluralismus

Folgt man der Rhetorik der EU-Enthusiasten, dann ist die Europäische Union ein heroisches Projekt von weltgeschichtlicher Bedeutung, ein Ausdruck von Mut und Entschlossenheit. EU-Kritiker sind dann konsequenterweise Kleingeister, verzagt und gestrig, Menschen, die in der Vergangenheit leben und sich (und die Jugend) um die Zukunft bringen.

Doch diese Einschätzung ist falsch und unsinnig. Sie übersieht, was Europa zu Europa macht. Anstatt sich auf die Stärke, den Pluralismus, die Verschiedenheiten und kreativen Reibungen Europas zu besinnen, setzt man kleinmütig auf Reglementierung und Vereinheitlichung, scheinheilig „Harmonisierung“ genannt.

Mutig wäre es, sich auf die Traditionen Europas zu besinnen und sich nicht ängstlich einen Brüsseler Wohlfahrtskonkon zu basteln.

Den Namen Europas nicht missbrauchen

Doch Europa ist den EU-Ideologen ziemlich egal. Das europäische Europa ist für sie ein Museum im EU-Land, eine Event-Ausstellung, die man besucht, um „aus der Geschichte zu lernen“ und mit einer Bildung zu kokettieren, die einmal eine europäische war, die man ohne Online-Enzyklopädie jedoch nicht einmal mehr simulieren könnte.

EU-Land hat mit Europa wenig bis gar nichts zu tun. Im Gegenteil, das politische Handeln der EU läuft darauf hinaus, an Europa abzuschaffen, was europäisch war. Man kann das gut finden, aber man sollte den Namen Europas dafür nicht missbrauchen.

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Im Dezember 2014 erschien der von ihm herausgegebene Band „Religion. Facetten eines umstrittenen Begriffs“ bei der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig. Dieser Artikel erschien am 2. Juli 2016 in seiner Kolumne "Grauzone" bei Cicero Online.


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