Dienstag, 25. Februar 2020

23.06.2016
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Liebe SPD, warum lässt Du dich bedienen?

Liebe SPD, warum lässt Du dich bedienen?
Von Monika Bittl

Liebe SPD, kennst du eigentlich noch die Leute, die du angeblich vertrittst? Wann bist du zuletzt in einer Arbeiterkneipe gewesen, hast mit türkischen Müllmännern gesprochen oder versucht, dich mit einer Erzieherin in einer Kita zu Kernzeiten in all dem Kinderlärm zu unterhalten? Nein, du gehst im Biergarten lieber in den Service-Bereich und holst dir die Maß nicht selbst, sondern lässt dich bedienen. Du schlägst meine Einladung zum Besuch eines Beisls hier im München-Westend aus und willst dich stattdessen lieber im „Mandarin Oriental“, in der Lounge des Luxushotels treffen. Du, liebe SPD, bist nicht nur ein Vertreter der Partei, sondern viele, mit denen ich nun diese Erfahrung machte. Ich maße mir nicht an, für „das Volk“ zu sprechen – aber du tust es immerzu. Und dabei kenne ich niemanden, der sich mehr von diesem „Volk“ entfernt hätte als du.

Für dich ließ ich mir die Autoscheiben einschlagen

Du. Für dich ließ ich mir die Autoscheiben einschlagen, als FJS noch der uneingeschränkte Herrscher Bayerns war und ein Papperl auf dem Auto mit einem Bekenntnis zu dir unweigerlich zu einem gesellschaftlichen Ausschluss und zu dem Statement meiner Oma führte: „Selber schuld, wer muss auch immer so rebellisch sein?" Du – als du noch nicht gegen Raucher in Eckkneipen, sondern gegen Immobilienhaie, die Rentnerwohnungen fraßen, vorgegangen bist.

Wo stehst du, liebe SPD? Du bist zur Sprachpolizei verkommen, darauf achtend, dass nicht nur von Genossen, sondern auch von GenossInnen die Rede ist. Ein feiner Herr im Anzug, ein Banker der Worte bist du geworden. Und eine jener biestigen Deutschlehrerinnen, die Kindern mit leblosem Dozieren von Fortschrittsfeindlichkeit die Freude an der Zukunft und an der Sprache austreiben. Du bist verkommen zu einer gelackten Person, die das Milieu der eigenen Eltern wegen deren Ärmlichkeit und des mangelndem Bildungsniveaus verachtet.

Warum musst Du die Menschen meiden?

Und eben deshalb musst du die Menschen, die dir einfach mal frei Schnauze ganz ohne PC sagen würden, was sie so bewegt, meiden und gehst nicht mehr in deren Kneipen. Es könnte ja sein, dass dir dort ein paar Dinge um die Ohren fliegen, die du nicht hören willst. Wie beim Abdul, einer türkischen Kneipe, an der du nur pikiert vorbei stolzierst. Zwielichtige, Intellektuelle und „ganz normale“ Arbeiter treffen sich dort.

Sie haben wie auch der Wirt selbst hauptsächlich ein Thema: Die Zuwanderung. „Kann nicht gut gehen“, sagt Abdul schon seit September mit Blick auf die Flüchtlingsströme und den Fernseher, der dort immer läuft und wichtig ist, denn unter den Besuchern gibt es auch Analphabeten. Abdul und die Leute dort zählen zu jenem „Pack“, auf das die SPD herab sieht; das „Pack“, das die SPD erziehen will; das „Pack“, dem die SPD keine eigene Meinung mehr zutraut; das „Pack“, das sie verachtet – das „Pack“, das zur AfD abwandert, weil es dort wenigstens noch ernst genommen wird.

Du bist Lichtjahre vom Bolzplatz entfernt

Elitär siehst du auf all jene herab, die arbeiten gehen und sich nicht 24/7 damit beschäftigten, was nun gerade gesagt werden darf oder nicht. Im Anzug oder Kostüm setzt du dich nicht mehr neben so einen gemeinen Arbeiter, denn du könntest dich ja schmutzig machen neben ihm. Während du im Luxushotel mit der „Mannschaft“ feine Tropfen trinkst, bolzen hier Jugendliche auf einem Platz, zu dem du deine eigenen Kinder aus Angst vor schlechter Einflussnahme nicht gehen lässt.

Mag sein, ich bin altmodisch und sehe das falsch. Aber ich gehe davon aus, dass diese Feigheit, einen Laden wie den Abduls nicht zu betreten und im Biergarten im Service-Bereich zu sitzen, den neuen Rechten erst so richtig Aufwind gibt. Ich verachte dich dafür, SPD! Ich habe fertig mit dir!

Die arroganten SPDler lade ich zu einem Kneipenbesuch im Arbeiterviertel ein, ohne deren Zeche zu bezahlen. Aber Freibier habt ihr auch gar nicht mehr nötig, ihr Funktionäre, die ihr alle geworden seid, mit einem Lehrer-Beamtengehalt. Wie bitter, die „kleinen Leute“ so zu verraten, und damit den Weg so zu versperren, dass die Leute nach rechts abbiegen – weil das von euch so verachtete Pack auch noch die Dreistigkeit besitzt, politisch eigen zu denken und vor euren Schranken nicht sitzen bleibt. Feiglinge vor dem grünen Altar seid ihr geworden! Ach, kommt lieber doch nicht in mein Viertel, sondern verpisst euch oder erfindet euch neu!


Monika Bittl ist eine preisgekrönte Münchner Schriftstellerin. Ihr derzeitiger Titel „Ich hatte mich jünger in Erinnerung – Lesebotox für die Frau ab 40“ (zusammen mit Silke Neumayer) steht seit drei Wochen auf Platz 1 der Spiegel-Paperback-Bestsellerliste. Der vorliegende Text ist zuerst am 21.6.2016 bei der Achse des Guten erschienen.

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