Dienstag, 25. Februar 2020

20.06.2016
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Political correctness 2.0 oder wie der Gefühlsfetisch uns die Freiheit raubt

Political correctness 2.0 oder wie der Gefühlsfetisch uns di...
Von Andreas Döding

Waren Sie, geneigter Leser, in letzter Zeit einmal in einer Buchhandlung? Falls ja, dann ist Ihnen womöglich aufgefallen, was kaum zu übersehen ist: buchstäbliche Schrankwände gefüllt mit Ratgebern, Selbsthilfebüchern, Büchern zu Spiritualität; dergleichen, während etwa naturwissenschaftliche Publikationen ein Nischendasein zu fristen scheinen. Die meisten dieser Ratgeberbücher dienen letztlich einem Zweck, der Huldigung der Emotion; der Lobpreisung des Gefühls. Dabei wird das Gefühl in der Regel als eine Art höhere Instanz zelebriert; Gefühle sind "wahr" und gespeist von tiefer Weisheit. "Hör auf deinen Bauch" ist allenthalben zu lesen. Dabei tritt man jener zerebralen Struktur, die man Limbisches System nennt und die für die emotionale Einfärbung des menschlichen Bewußtseins zuständig ist, sicherlich nicht zu nahe, wenn man sie als strunzdumm bezeichnet.
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Gefühle dienen in erster Linie der Handlungsaktivierung, haben z. T. eine soziale Appellfunktion (wenn wir beispielsweise traurig sind und weinen) und bewegen sich entwicklungsgeschichtlich immer noch auf der Ebene der Vermeidung von Begegnungen mit Säbelzahntigern sowie der Verbreitung des eigenen Genoms. Ganz abgesehen davon, daß Gefühle zunächst einmal eine unspezifische vegetative Erregung sind, die erst durch kortikale Bewertungs- und Interpretationsprozesse ihr spezifisches Gepräge erhalten. Ohne den Gedanken, daß die eigene Frau untreu sein könnte gibt es eben auch kein eifersüchtiges Gefühl.

Im gleichen Maße, in dem Gefühle gehyped werden, wird die ratio, der Verstand gering geschätzt und als irgendwie westlich-degeneriert betrachtet. Das Heil dagegen liegt allein im Gefühl. Allerdings, notabene, im "guten", will sagen im angenehmen Gefühl. Wenn ich dagegen mit unangenehmen Gefühlen zu tun bekomme, wird dies als schwere Störung der Befindlichkeit betrachtet (daher ja die vielen Ratgeber), und hier kommen die jüngeren Auswüchse der political correctness ins Spiel.

Zum ersten Mal aufgefallen ist es mir seinerzeit in der Brüderle-Himmelreich-#Aufschrei!-Debatte. Hier wurde das vermeintliche oder tatsächliche Gefühl einer Belästigung zu einer nicht weiter in Frage zu stellenden Tatsache. Wo aber die Meinung zur Tatsache wird, erhält das Gefühl Beweiskraft. Verbunden mit der impliziten Überzeugung, daß man ein Recht habe, völlig belästigungs- und irritationsfrei durchs Leben gehen zu können und die Verantwortung hierfür zuvorderst beim Gesetzgeber zu sehen, werden die Debatten immer schriller und empörter; die Menschen immer empfindlicher, immer kränkbarer, und an die Stelle der hinnehmenden Akzeptanz tritt die Verbotsforderung. Das Leben in lärmbefreiten Umgebungen führt eben in aller Regel zu einer größeren Lärmempfindlichkeit und nicht etwa zu einer größeren diesbezüglichen Robustheit. So schließen sich Teufelskreise.

Dabei ist eine, bei Licht betrachtet, absurde Verantwortungsumkehr zu beobachten. Nicht der Gekränkte, der sich gestört Fühlende ist in der Verantwortung, mit seinen Gefühlen irgendwie zurande zu kommen, sondern der Auslöser, der trigger, der eben nicht mehr nur Auslöser ist, sondern Ursache des mißlichen Gefühls, wird in der Verantwortung wahrgenommen und im Zweifel mit bemerkenswerter Gnadenlosigkeit bekämpft.

An vielen Hochschulen in den USA kann man aktuell einen besorgniserregenden Trend beobachten: Studierende betätigen sich mit inquisitorischem Eifer als Trüffelschweine auf der Suche nach so genannten "Mikroaggressionen"; gemeint sind mehr oder weniger unbedachte Äußerungen, die von einer Minderheit als anstößig oder diskriminierend empfunden werden könnten. Hierfür bedarf es nicht einmal eines Angehörigen einer solchen Minderheit, der sich tatsächlich diskriminiert fühlt; es reicht, wenn sich jemand gekränkt fühlen könnte, um zu veritablen Shitstorms aufzurufen, die in der Vergangenheit bis hin zur Demissionierung von Lehrkräften geführt haben. Die direkte Folge ist ein Klima der Angst, das jeden, auch wissenschaftlichen, Diskurs unmöglich macht.

Diese Art der political correctness, nach der jeder sich stets so zu verhalten habe, daß niemand sich auch nur auf irgendeine Weise aus seiner emotionalen Homöostase herausbewegen könnte, ist, in die Zukunft projiziert, eine schwerwiegende Gefahr für die  freiheitlichen Reste in der westlichen Welt.


Der Beitrag von Andreas Döding erschien zuerst am 12.6.16 in „Zettels Raum“.

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