Donnerstag, 20. Februar 2020

12.05.2016
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Der Rechtsruck hat nichts mit den Eliten zu tun

Der Rechtsruck hat nichts mit den Eliten zu tun
Der Rechtsruck in Europa und Donald Trumps Siegeszug seien Ausdruck einer Verachtung für das Establishment? Falsch, es geht nicht um einen Kampf zwischen der Elite und ein paar gescheiterten Außenseitern. Es ist die Mittelschicht, die sich auf die Suche nach ihrer Identität macht, meint Alexander Grau

Glaubt man den politischen Kommentatoren, erleben wir zurzeit nichts Geringeres als eine gesellschaftliche Revolution – einen Aufstand gegen die Eliten. AfD und Front National, FPÖ und UKIP, der Siegeszug eines Donald Trump: Eines, da sind sich so gut wie alle Analysten einig, hätten diese Phänomene gemeinsam. Sie seien Ausdruck einer Verachtung für das Establishment, eine Kampfansage an die Etablierten.

Nicht zuletzt sehen sich die Protagonisten selbst so – als wackere Underdogs im Kampf gegen eine weltfremde Elite in Parteizentralen und Medienhäusern, Universitäten und Kultureinrichtungen.

Es gibt keine Elite

Eine schöne Geschichte. Doch leider ist sie falsch. Sie scheitert schon daran, dass es in modernen Massengesellschaften keine Elite gibt. Wer sollte das bitteschön sein? Etwa die Damen und Herren Fernsehmoderatoren, die uns allabendlich mit ihrer gedanklichen Konfektionsware langweilen? Die Medienfunktionäre, die verantwortlich sind für die Publikumsbelästigung, die unablässig auf allen Kanälen über uns hereinbricht? Die Kulturverwalter und Selbstdarsteller des Theater-, Kunst- und Kreativbetriebes? Die Apparatschiks in Parteien, Verbänden und Gewerkschaften?

Nach diesem Verständnis müsste das derzeitige Lieblingspaar der Boulevardmedien – Heiko Maas und Natalia Wörner – immerhin ein Minister und eine Fernsehschauspielerin, geradezu als die Inkarnation der deutschen Elite gelten. Sorry, ist nicht persönlich gemeint, aber: Soll man jetzt lachen?

Ein Konflikt innerhalb der nivellierten Mittelstandgesellschaft

Nein, die bundesdeutsche Gesellschaft hat keine Elite und wenn, dann spielt sie beim eitlen Spiel um Einfluss, Macht und Teilhabe keine Rolle. Die Rhetorik von den angeblichen „Eliten“, dem „Establishment“, den „Etablierten“ verdeckt nur unzulänglich, dass es hier um einen Konflikt innerhalb der nivellierten Mittelstandgesellschaft geht. In ihrer Orientierungslosigkeit verschreibt sich die kulturell obdachlos gewordene Mittelschicht entweder einer vorgeblichen Modernität oder hält verkrampft an einer Vergangenheit fest, die es so nie gab.

Beiden Lagern gemeinsam ist die zwanghafte Konstruktion individueller Identität qua Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. Entsprechend streitet man für egalisierende Kollektivismen wie Multikulturalismus auf der einen oder Nationalismus auf der anderen Seite. Ihre gemeinsamen Feinde sind Liberalismus und Individualismus. Diese werden als unsozial, unsolidarisch und gleichsam entfremdet gebrandmarkt. Denn Individualismus, der über die Jagd nach dem neuesten Hype hinausgeht, erwächst aus einer inneren Unabhängigkeit, die der egalisierten Mittelschicht verdächtig und zuwider ist. Wo bitteschön bleibt denn da das selig machende „Wir“, das man sich, ganz nach persönlichem Gusto, entweder als buntes Harmoniekollektiv oder erdige Volksgemeinschaft vorstellt?

Verunsichert und auf der Suche nach Identität

Die gesellschaftliche Kontroverse, die derzeit das öffentliche Klima zu vergiften droht, ist keine kulturelle Auseinandersetzung zwischen perspektivlosen, wütenden Underdogs und einer imaginierten Elite. Die Konfliktlinie verläuft vielmehr mitten durch die Mittelstandgesellschaft selbst. Verunsichert durch Internationalisierung, Flexibilisierung und Globalisierung aller Lebensbereiche sucht die Mittelschicht nach Zugehörigkeit zu Weltanschauungskollektiven.

Befriedigt wird diese Sehnsucht nach dem Fusel des Gemeinschaftsgefühls durch zwei identitätsbildende Erzählungen: Die eine kündet von der Utopie einer alle Schranken überwindenden, globalen und transkulturellen Weltgemeinschaft. Die andere postuliert ein Zurück zu traditionellen, national geprägten Gesellschaften.

Ein festes Feindbild gehört dazu

Beide Konzepte sind dermaßen unrealistisch, dass sie ihr Identifikationspotenzial weniger aus positiven Überzeugungen beziehen, sondern vor allem aus der erbitterten Gegnerschaft gegenüber der jeweils anderen Partei. Das ist ziemlich kindisch, ein festes Feindbild gehört jedoch dazu, damit ein Kollektiv seine identitätsstiftende Wirkung tatsächlich entfaltet.

Wer die derzeitigen politischen Spannungen auf einen Kampf zwischen einer ominösen Elite und ein paar gescheiterten Außenseitern reduziert, verkennt die Brisanz der Situation. Es ist die Mittelschicht, die auf der Suche nach verloren geglaubter Identität weltanschaulich aufrüstet. Doch die Sehnsucht, sich mit einer Sache gemein zu machen, offenbart nicht nur einen Mangel an Distanzfähigkeit, sondern gefährdet zudem das gesellschaftliche Klima. Etwas mehr Autonomie und Eigensinn hingegen käme allen zugute.

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Im Dezember 2014 erschien der von ihm herausgegebene Band „Religion. Facetten eines umstrittenen Begriffs“ bei der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig. Dieser Artikel erschien am 7. Mai 2016 in seiner Kolumne "Grauzone" bei Cicero Online.

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