Dienstag, 25. Februar 2020

15.09.2016
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Die SPD, die AfD und das Kapital - der Beginn einer wunderbaren Freundschaft

Die SPD, die AfD und das Kapital - der Beginn einer wunderba...
Von Jennifer Nathalie Pyka.

Kaum sind die Wahlen in Meck-Pomm durch, schon rollt das Kümmerkommando durch die Lande. Der eine will mehr zuhören und besser erklären, der andere möchte den Bürger lieber abholen, und alle gemeinsam wollen sie Sorgen ernstnehmen. Offen gestanden macht mir das alles ein wenig Angst. Ich befürchte ernsthaft, dass Sigmar Gabriel demnächst im Rahmen eines „Solidarpakts“ einen Geldsack über "strukturschwachen Gegenden" zwischen Rügen und Rostock ausleeren wird, Ralf Stegner mit einem Best-of seiner "Soziale Kälte"-Tweets auf dem Schweriner Marktplatz auftritt und Manuela Schwesig noch einen mobilen Spielplatz hinterherschickt.

Nun allerdings ist alles viel schlimmer gekommen. Thorsten Schäfer-Gümbel (SPD) betritt die Bühne und nimmt eine von vielen Sorgen nicht nur ernst, sondern teilt sie. "Wer über Rechtspopulismus redet, darf über Marktradikalismus nicht schweigen. Die Unsicherheit durch die ungeregelte Globalisierung ist eine der Ursachen für den Erfolg der AfD. Wir reden darüber zu wenig.", diagnostiziert er im Interview mit der "ZEIT". Leider erklärt er nicht, wo genau man diesen Marktradikalismus eigentlich findet. In Deutschland? Womöglich in der Meck-Pomm'schen "Ami go home!"-AfD? Zwischen staatlich verordneter Milchquote und subventioniertem Windrad? In kargen Ortschaften, die vor allem deshalb so traurig aussehen, weil ihnen der Unternehmergeist fehlt?

Man weiß es nicht. Aber vielleicht ist es mit dem Markt so wie mit den Asylbewerbern und den Atomkraftwerken, die Frau Merkel nach einem Erdbeben in Japan abschaltete: Er muss gar nicht erst wie ein Raubtier durch die Mecklenburgische Seenplatte wildern. Es reicht schon, wenn er irgendwo anders sein Unwesen treibt. Zum Beispiel im Reich des Bösen, das zwischen Monsanto, Nestlé und TTIP verläuft. Letzteres, so Herr Schäfer-Gümbel, ist übrigens wichtig, denn sonst könnten "die Märkte weiter unreguliert vor sich hin wurschteln". Und das wäre nicht nur eine ziemlich arge Katastrophe, sondern dürfte zugleich auch der Grund sein, weshalb Sigmar Gabriel und die dem Wurschteln noch vergleichsweise zugeneigten Amerikaner sich nicht einig werden.

Aber das nur am Rande. Denn eines steht fest: "Der Markt" ist radikal und böse, die SPD dagegen dein Freund und Helfer. Das berührt mitunter Menschen mit Kapitalophobie, die der Ansicht sind, ein in Freiwilligkeit operierendes Unternehmen könne ihnen mehr schaden als staatlicher Zwang. Und es freut Thorsten Schäfer-Gümbel, weil mehr Markt auch weniger Staat bedeuten würde - und dann wäre er selbst ja ein wenig überflüssig, was freilich niemand wollen kann. Am wenigsten er selbst. Darum ist es unerlässlich, den Markt noch mit einem chicen Schlagwort - Rechtspopulismus - zu assoziieren. Dass diejenigen, die gemeinhin unter diesem Label laufen, seine Ansichten teilen - Marine Le Pens Wirtschaftsprogramm sieht beispielsweise nach nationalem Sozialismus aus - tut dem keinen Abbruch. Davon lässt sich ein Thorsten Schäfer-Gümbel nicht beirren.

Vielmehr hilft die "Markt = rächts"-Milchmädchenrechnung doch dabei, gleich zwei weltanschauliche Gegner in die Flucht zu schlagen: die Rechtspopulisten zum einen, die Liberalen zum anderen. Das weiß auch Dietmar Bartsch von der Linkspartei, der seine verloren gegangen Schäfchen nun wieder einzufangen gedenkt, indem er die AfD nach einer ausführlichen Unterredung mit seinem Kaffeesatz als "zutiefst neoliberale Partei" einstufte. Und Neoliberalismus ist ja wie Markt, nur schlimmer.

Klasse wäre, wenn auch mal eine andere Devise salonfähig würde. Zum Beispiel diese hier: Wer über "Marktradikalismus" redet, sollte vorher den Begriff "Markt" googlen - und dann eine Schweigeminute einlegen. Aber das ist freilich keine Option, sobald es darum geht, gegen "den Markt" und dessen grauenvolle Risiken und Nebenwirkungen wie Wohlstand und Innovation zu Felde zu ziehen. Die SPD, die AfD, die Globalisierung, das Kapital und die verängstigten Bürger - ich glaube, das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Jennifer Nathalie Pyka, geboren 1989 in München, bloggt seit 2010 auf http://jennifernathalie.blogspot.de/ über Politisches im Allgemeinen, über Antisemiten, Freiheitsverächter und andere Neurotiker. Zudem schreibt sie gelegentlich Kommentare für die „Jüdische Allgemeine“ und verfasste bis 2013 wöchentlich eine Kolumne für „The European“. Der vorliegende Text ist am 8. September 2016 zuerst auf ihrem Blog erschienen.

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