Samstag, 04. April 2020

17.04.2015
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Blitzer-Marathon: Sind Raser wirklich generell gefährlicher als Schleicher?

Blitzer-Marathon: Sind Raser wirklich generell gefährlicher ...

Matthias Heitmann hält schnelle Autofahrer mehrheitlich für die besseren Autofahrer und daher Aktionen wie den Blitzer-Marathon für zeitgeistgemäße Zeitverschwendung.

Natürlich wollen wir alle nicht bei Verkehrsunfällen ums Leben kommen. Niemand möchte Verkehrssicherheit oder Verkehrsregeln grundsätzlich abschaffen. Und wenn Regeln aufgestellt werden, dann muss deren Übertretung auch Folgen haben, sonst macht das alles keinen Sinn.

Der EU-weite Blitzer-Marathon sollte dazu dienen, die Sensibilität für gefährliches Autofahren zu erhöhen und die Autofahrer zum Umdenken zu veranlassen. Obwohl, nein, das ist nicht ganz richtig: Es ging nicht um generell „gefährliches Autofahren“, sondern um „zu schnelles Autofahren“. Dass dies nicht dasselbe ist, darauf weisen Unfallforscher immer wieder hin.

Es gibt neben dem zu schnellen Fahren durchaus weitere Gefahrenquellen, die in der Konzentration auf die Blitzerei gern außer Acht gelassen wird: Es ist das zu langsame Fahren, das unangemessene Fahren, das sich zwar innerhalb des Erlaubten bewegt, aber dennoch suboptimal ist, es ist das ängstliche und nicht vorausschauende Fahren, dass den Verkehrsfluss stört und andere Fahrer gefährdet. Das alles verursacht zuweilen deutlich mehr Unfälle als gute und erfahrene Autofahrer, die ein bisschen schneller fahren als erlaubt.

In einem kürzlich erschienen Kommentar bringt Guido Bellberg dies in erfrischend direkter Polemik auf den Punkt: „Jahrzehntelang hat man uns erzählt, dass Raserei der Grund allen Übels sei und sicherlich passieren Unfälle auch durch zu schnelles Fahren. Wenn man aber regelmäßig auf Autobahnen unterwegs ist, bekommt man einen anderen Eindruck. Die Autofahrer, die am gefährlichsten für andere Verkehrsteilnehmer sind, sind oft die unberechenbaren Schleicher. Denn die leben in ihrer eigenen, abgeschotteten Welt, in der sie sich nicht um andere Fahrzeuge kümmern müssen. Einer Welt, in der es vollkommen in Ordnung ist, einfach so auf die linke Spur zu wechseln und dabei so langsam zu fahren, dass alle, die sich bereits auf dieser Spur befinden, hart bis voll bremsen müssen. Weil Rückspiegel schließlich kompliziert sind und Geschwindigkeiten generell nicht einschätzbar. Oder Lkw auch in 1200 Metern Entfernung noch gefährlich sind.“

Die obrigkeitliche Konzentration auf das „Rasen“ ist indes leicht zu erklären: Zum einen existieren schlicht und ergreifend noch keine Messgeräte, die zu langsames oder zu ängstliches Fahren erfassen. Zum anderen schafft man mit den „Rasern“ eine abschreckende Zielgruppe, die nicht nur die Verkehrsregeln, sondern auch das generelle moderne Gebot der Mäßigung missachtet. Es entspräche auch einfach nicht in den modernen Zeitgeist, in dem „Höher schneller weiter“ als Lebensmotto etwa so populär wie Lebertran ist, wenn man Autofahrer dazu anhielte, sich doch etwas flotter und mutiger auf der Straße zu bewegen, um den Verkehrsfluss zu fördern.

Die gängige Problemlösungsstrategie der Politik, in welchem Themenbereich auch immer, lautet: Grenzen einziehen, Limits festlegen, individuelle Spielräume begrenzen, schärfere Kontrollen einführen, und das alles auf der Basis von geschürten und betonten Ängsten. Da wäre es unpassend, Autofahrern zu signalisieren, dass sicheres schnelles Fahren weniger Verkehrsunfälle verursacht als ängstliches Schleichen. Angstfreiheit im Straßenverkehr ist für Regulierungspolitiker eine beängstigende Vision. Aktionen wie der Blitzer-Marathon sollen sicherstellen, dass diese Vision niemals Wirklichkeit wird.

Matthias Heitmann ist freier Journalist, Redakteur der BFT Bürgerzeitung und Buchautor. In Kürze erscheint im TvR Medienverlag sein neues Buch „Zeitgeisterjagd“. Seine eigene Website findet sich unter http://www.zeitgeisterjagd.de.

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