Dienstag, 25. Februar 2020

09.05.2016
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Götter tun sich generell schwer mit dem Grundgesetz

Götter tun sich generell schwer mit dem Grundgesetz
Jan Fleischhauer hat sich in seiner aktuellen Spiegel-Kolumne im Beitrag "Das Muslim-Problem" mit der AfD und ihrer Haltung zum Islam beschäftigt. Speziell was die Vereinbarung von Islam und Grundgesetz angeht, sieht die Ex-Lucke-Partei erhebliche Probleme. Fleischhauer erwähnt in dem Zusammenhang auch mein Buch „Deutschland, deine Götter“ und ich denke, dass mich das eine Jahr der Reisen zu den verschiedensten Glaubensgemeinschaften nun zwar nicht zum Religionsexperten gemacht hat, aber immerhin zu einem Religions-Touristen.

Darum will ich mich zu dem Thema auch zu Wort melden. Generell muss man sagen, dass die Götter keinen großen Wert auf menschgemachte Verfassungen legen. Es gibt niemanden da oben im Pantheon, dem es ein besonderes Anliegen ist, dass wir uns ans Grundgesetz halten (sonst hätte er es selbst verfasst und in Tontafeln unter das Volk gebracht). Dementsprechend würde auch keine Religion den Einbürgerungstest bestehen. Götter wären von ihrer autoritären und/oder totalitären Haltung her im Zweifel viel eher ein Fall für den Verfassungsschutz.

In der Bibel beispielsweise, die ja nun sowohl für Juden als auch Christen so etwas wie der Glaubens-Knigge ist, gibt es Passagen, in denen Gott sich in einen wahren Blutrausch hineinsteigert und Mord und Totschlag für alle möglichen Dinge verlangt, für die man bei uns höchstens in die Klatschspalten der Boulevardmedien kommt. Affären, Seitensprünge, Sex mit dem Nachbarn (oder mit Tieren). Er will sogar, dass getötet wird, wer „seinem Vater oder seiner Mutter flucht“. Was ja auch irgendwie gegen die im Grundgesetz garantierte Entfaltung der eigenen Persönlichkeit, gegen die Meinungsfreiheit und das Recht auf körperliche Unversehrtheit – und diverse andere Rechte – verstößt.

Und im Zentrum des Hinduismus befindet sich mit dem Kastensystem ein rassistisches Menschenbild, das dem Leid des Einzelnen nur mit Verachtung entgegentritt, weil es ja selbstverschuldet ist. Hätte man sich in früheren Leben keine üblen Verfehlungen erlaubt, wäre man nun auch kein sozial Ausgestoßener.

Mit Homosexualität tun sich eigentlich alle Religionen schwer. Was umso erstaunlicher ist, weil die Gläubigen umgekehrt akzeptieren können, dass höhere Mächte das Universum erschaffen haben und schon immer waren und immer sein werden. Aber die Vorstellung, dass sich zwei Männer oder zwei Frauen lieben könnten, bringt sie an die Grenzen ihrer Vorstellungskraft.

Dass die allermeisten Religiösen in Deutschland (und das bedeutet hier immer: die allermeisten Christen) nicht auf Schwule losgehen, die Gleichberechtigung der Geschlechter nicht zurückdrehen wollen und generell die Worte Gottes nicht mehr so wörtlich nehmen, liegt nicht an der Religion, sondern daran, dass sie diese relativiert haben.

Der Absolutheitsanspruch, den die meisten Glaubensgemeinschaften haben, ist natürlich nie vereinbar mit einer weltlichen Verfassung. Nicht ohne Grund lehnen zum Beispiel die Piusbrüder – diese in Bernstein eingeschlossene Form des Katholizismus aus der Zeit vor dem zweiten Vatikanischen Konzil – die Menschenrechte ab. Der Grund: diese garantieren die Religionsfreiheit. Es gibt aber keinen anderen echten Glauben neben dem Katholizismus, deswegen ist die Religionsfreiheit ein Komplott gegen den Glauben und letztlich gegen Gott.

Diese Haltung haben sie nicht exklusiv, sie ist den meisten monotheistischen Strömungen eingebrannt. Und auch wenn heutzutage lieber die Gemeinsamkeiten betont werden, bleibt es dabei, dass letztlich speziell im missionierenden Monotheismus der alte Highlander-Slogan gilt: Es kann nur einen geben!

Religionen sind also eher nicht die Vorzeige-Demokraten. Dafür sind die Götter zu wenig interessiert an Gewaltenteilung, an freien und geheimen Wahlen und an politischen Kompromissen. Einen Gott, der ganze Städte niederbrennen lässt, will man jedenfalls nicht als Streitschlichter bei S21 oder anderen Großprojekten haben.

Solange Religionen sich an die Grenzen halten, die ihnen das Grundgesetz zieht, ist ihre freie Ausübung garantiert und geschützt. Wenn jemand aber meint, das Grundgesetz durch eine religiöse Gesetzgebung ersetzen zu müssen, macht sich so zum Feind dieser Verfassung, weswegen der Rechtsstaat ihn bekämpfen wird. Religionsfreiheit ist ja ein Individualrecht, schon alleine deswegen wäre das Verbot einer Religion nicht möglich – und weil es ein geschütztes Grundrecht ist. Wer dieses Grundrecht abschaffen will, bekämpft unseren Rechtsstaat. Das kann man machen, dann ist man aber eben ein Feind unserer Demokratie und nicht ihr Verteidiger.

Gideon Böss hat gerade sein Buch “Deutschland, deine Götter” fertiggestellt. Wofür er ein Jahr lang zwischen Nordsee und Alpen unterwegs war, um Kirchen, Tempel und Hexenhäuser zu besuchen. - Der Beitrag von Gideon Böss erschien zuerst in der „Welt“, hier.

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