Donnerstag, 20. Februar 2020

02.04.2016
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Platzmachen für Isegrim?

Platzmachen für Isegrim?
Andreas Döding beschreibt die Folgen der Willkommenskultur gegenüber Wölfen.

Wolf tötet Ziegen in Nordrhein-Westfalen meldet Spiegel Online am 30.3.16. "Und wo, bitte schön, ist die Nachricht?" möchte man fragen. Dass Ziegen, Schafe und sonstige Haus- und Nutztiere zum Beuteschema von Wölfen gehören, dürften zumindest die älteren unter uns noch im Biologieunterricht der Regelschule gelernt haben. Ob dieses Wissen heute noch so vermittelt wird, scheint dagegen nicht sicher, denn daß etwaige Gefahren von der gewollten Wiederansiedelung von Wölfen in Deutschland ausgehen könnten, wurde -und das ist die eigentliche Nachricht des Artikels auf Spiegel Online- in den letzten Jahren systematisch heruntergespielt, ja negiert. Mit dem Ergebnis, daß es jetzt eine Meldung wert ist wenn ein Wolf eine Ziege reißt, so als ob dies irgendeinen unerwarteten Neuigkeits- oder Überraschungswert hätte.

Dabei wies der Charakter der Debatte (sofern es denn eine war) in der Vergangenheit z.T. auffällige Ähnlichkeiten mit den Diskussionen und ideologischen Verhärtungen zur aktuellen (menschlichen) Zuwanderung auf, wobei sich die angedeuteten Parallelen im folgenden ausschließlich auf den Charakter der öffentlichen Diskussion beziehen; keineswegs möchte ich menschliche Flüchtlinge und Zuwanderer mit Wildtieren verglichen oder gar gleichgesetzt sehen.

Seit Jahren läßt sich eine Art verordnete und oftmals moralisch aufgeladene Willkommenskultur für Wölfe erkennen. Seit im Jahr 2000 der erste Wolf aus Osteuropa die Grenze zu Deutschland überschritten hat, dominieren Naturschutzorganisationen wie BUND oder NABU die Debatte. Wölfe seien für den Menschen harmlos da jene den Menschen fürchteten und mieden; sie bereinigten die Natur im wesentlichen um die alten, kranken Tiere; dergleichen.

Der Wolf als nebenwirkungsfreie forstlich-kulturelle Bereicherung. Menschen, die hier Bedenken äußerten, wurden von Tierschützern und Aktivisten beinahe reflexhaft der jagdaffinen Szene zugeordnet, was in Tierschutzkreisen wohl der "rechten Ecke" entsprechen dürfte. Berichte über erste Risse von Haus- und Nutztieren wurden zunächst negiert, dann Hunden zugeschrieben und erst, als es gar nicht mehr anders ging, als Einzelfälle abgetan.  Probleme mit Menschen gäbe es dagegen überhaupt nicht, außer durch kranke Tiere oder - was sonst - wenn die Tiere zunächst durch den Menschen provoziert worden seien.

Dabei täte eine ergebnisoffene Diskussion hier Not. Die Berichte von Angriffen auf Menschen durch gesunde, z.T. nicht einmal hungrige, Wölfe sind international keineswegs nur anekdotisch; in Indien wurden im Zeitraum zwischen 1980 und 2000 bis zu 273 Kinder durch Wölfe getötet, z. T. sind die Tiere dabei in die Hütten der Bewohner eingedrungen (wobei andere Quellen die statistische Belastbarkeit dieser Zahl in Frage stellen: eine Tendenz stellt sie zweifellos dar). Von der vielbeschworenen "Scheu" des Wolfes vor dem Menschen kann im Zweifelsfall (z. B. im Falle harter Winter in Europa) keine Rede sein. Dagegen kommt es in Rumänien, wo etwa 4000 Exemplare leben, nur selten zu Problemen, jedoch v. a. weil die Bewohner diese konsequent, auch unter Schußwaffeneinsatz, aus ihren Siedlungen vertreiben. In Niedersachen dagegen, wo die sogenannte Vechta-Wölfin bereits mehr als 100 Schafe in Siedlungsnähe gerissen hat, ­entschloß man sich seitens des grün geführten Umweltministeriums zunächst einmal dazu, den Wolf weiter zu beobachten und mit einem Sender auszustatten.

Dabei beziehen sich die wirtschaftlichen Schäden für Tierhalter nicht nur auf die unmittelbaren Kosten des Nutztierrißes. Staatliche Entschädigungen (als Ausgleich für das Jagdverbot, das es dem Vieheigentümer verbietet, seine Herde aktiv zu schützen) sind in den Ländern unterschiedlich geregelt und stets daran gebunden, dass der Eigentümer zuvor geeignete Schutzmaßnahmen eingerichtet haben muß: Kosten, für Zäune bestimmter Mindesthöhe etwa, auf denen er im wesentlichen sitzenbleibt und die einen indirekten Eingriff in das Eigentumsrecht mit Auswirkungen auf die betriebswirtschaftlichen Ergebnisse darstellen.

Wie gefährlich ist die Wolfsansiedelung für den Menschen? Eine der wenigen umfassenden Auswertungen zum Thema ist der sog. NINA-Report aus dem Jahr 2001, in dem mehrere tausend Fälle durch Wölfe getöteter Menschen in Europa und Rußland der vergangenen 200 Jahre analysiert worden sind. Selbst wenn man den verwendeten Daten mangels standardisierter Erfassungsmethoden lediglich anekdotischen Wert zumißt: hieraus geht recht deutlich hervor, dass aus der Wiederbesiedelung durch den Wolf einerseits keine immensen oder gar unkalkulierbaren Gefahren für den Menschen zu erwarten sind. Umgekehrt ist sie jedoch auch keineswegs so harmlos wie oft dargestellt wird. Bei unregulierten Wolfspopulationen und gleichzeitigem Nahrungsmangel nimmt der Wolf den Menschen, bevorzugt Kinder, eindeutig in sein Beuteschema auf. Darüber hinaus hat der unbejagte Wolf, anders als oft suggeriert wird, kaum Scheu, menschliche Siedlungsräume auf Nahrungssuche zu betreten.

Zusammen mit dem Verlust der Scheu des unbejagten Wolfes gegenüber dem Menschen und seinen Siedlungsräumen, wird offenkundig auch dem Menschen seine über Jahrhunderte durch einschlägige Märchen und großelterliche Erzählungen vermittelte Scheu vor diesem Wildtier abgewöhnt; eine Folge ebenjener einseitig-positiv getönten Begleitmusik zur Wiederansiedelung von Meister Isegrimm. Eine absehbar ungute Mischung mit der momentan noch vergleichsweise harmlosen Folge, dass normales Beuteverhalten eines Wolfes, wie heute Morgen, zur "Nachricht" wird.

Es ist wohl wie bei jeder Form der Zuwanderung. Vorteile und wünschenswerte Folgen stehen Nachteilen und negativen Konsequenzen gegenüber, und der beste Weg, die ungünstigen Folgen langfristig überhand nehmen zu lassen, ist das Tabuisieren ihrer rechtzeitigen Benennung und der sachlichen Diskussion darüber.

Der Beitrag von Andreas Döding erschien zuerst am 30.3.16 im Blog Zettels Raum.

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