Freitag, 29. Mai 2020

17.12.2015
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Weihnachten als Fest der Menschlichkeit

Weihnachten als Fest der Menschlichkeit
Man muss nicht religiös sein, um das weihnachtliche Bemühen der Menschen um Freundlichkeit und Nächstenliebe zu schätzen. Von Matthias Heitmann

Im Gegensatz zu meinen Eltern, die Zeit ihres Lebens eine aktive Bindung zur evangelischen Kirche hatten, bin ich nicht gläubig. Und dennoch liebe ich Weihnachten, mit all seiner religiösen Feierlichkeit und Heiligkeit, auch mit all seinem kindlichen Kitsch und in all seiner Absurdität. Die scheinbar fortschrittlich und aufklärerisch formulierte Kritik an weihnachtlichen Ritualen, oder auch nur die Defensivität bezüglich christlicher Traditionen, stößt mir zunehmend übel auf. Dies liegt nicht nur an meiner persönlichen Beziehung zu Weihnachten, sondern auch an den häufig zynischen und wenig menschlichen Motiven vieler moderner Traditionsgegner, denen nicht einmal mehr freudig-glänzende Kinderaugen heilig sind.

Der moderne Atheismus hat den Glauben an Gott vielfach durch den Glauben an die Sinn- und Wertlosigkeit der menschlichen Existenz ersetzt. Vom einstigen Motiv der Befreiung ist in Zeiten, in dem man Menschen die Freiheit nicht zutraut und sie immer mehr gängelt, kontrolliert und entmündigt, nichts übrig geblieben. Ich gönne den Menschen die Freiheit, sich an Weihnachten mit ungesunden Lebensmitteln die Bäuche vollzuschlagen, trotz Energiewende ihre Häuser wie UFO-Landeplätze auszuleuchten, bei 15 °C Außentemperatur den Kamin zum Glühen zu bringen und auch sonst viele unnachhaltige Dinge zu tun. Wenn man sich, um solches zu tun, in jahrhundertealte Traditionen flüchten muss, dann ist das nicht deren Schuld.

Wenn Weihnachten auf diese Art, also bar jeder religiösen Tiefe, zu einem Fest des gemeinsamen Wertschätzens und Genießens wird, zu dem man das Diktat des schlechten Gewissens getrost ignoriert und einfach mal Fünfe gerade sein lässt, dann ist dies eine wichtige und auch frohe Botschaft. Und meinetwegen sollen die Leute dann auch noch in 50 Jahren den Weihnachtssong von Bob Geldof kaufen in dem Glauben, damit etwas Gutes zu tun (und zu hören).

Denn im heutigen Jammertal der Misanthropie ist der Glaube an das Gute in der Welt, und ja, auch an das Gute im Menschen, eine bedrohte und daher zu schützende Auffassung. Wenn Menschen nach elf Monaten voller Arbeit, voll krisenhaftem Missmut und auch zielloser Hatz im Hamsterrad im zwölften Monat gewissermaßen kollektiv, und sei es auch nur, weil der Kalender es eben gebietet, sich Geschenke machen, so erzeugt das neben aller Hektik, Falschheit und Absurdität eben auch Offenheit und Wärme. Man kann sie auf den Straßen spüren, wenn man will.

Besinnlichkeit mag ein religiös ummantelter Begriff sein. Er hat aber etwas mit Sinn, mit Besinnung und mit dem Suchen von Sinn zu tun, und das ist allemal wertvoll. Wer das mutwillig aufs Spiel setzt, weil er meint, „Weihnachts“-Märkte würden die Gefühle von Anders- oder Nichtgläubigen verletzen und müssten deshalb umbenannt und sogar neu ausgerichtet oder abgeschafft werden, der hat auf barbarische Weise missverstanden, worum es in menschlichen Gesellschaften und im Leben eigentlich geht.

Vielleicht ist es neben meinem ganz persönlichen Wunsch, das Fest meiner ältesten, feierlichsten und intensivsten Kindheitserinnerungen zu feiern, gerade auch meine Ablehnung der zynisch-atheistischen Entzauberungskultur, die es mir als gottlosem Anhänger von Aufklärung und Moderne ermöglicht, mich auch auf dieses Weihnachtsfest wieder wie ein kleiner Junge zu freuen. Zumindest wünsche ich mir, dass mir das wieder gelingt. Ich hoffe, Ihnen auch.

Matthias Heitmann ist Redakteur der BFT Bürgerzeitung, freier Publizist und Autor des Buches „Zeitgeisterjagd. Auf Safari durch das Dickicht des modernen politischen Denkens" (TvR Medienverlag Jena, 2015, 197 S., EUR 19,90). Seine Website findet sich auf www.zeitgeisterjagd.de. Dieser Text ist ein Auszug des am 22.12.2014 im Berliner Tagesspiegel Online erschienenen Artikels „Waise Weihnacht: Ich bin nicht gläubig, und dennoch liebe ich dieses Fest“.

Bild: Fotolia

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