Donnerstag, 29. September 2016

01.09.2015
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Jagd auf den pessimistischen Zeitgeist:

„Müssen wir wirklich immer vom Schlimmsten ausgehen?“

„Müssen wir wirklich immer vom Schlimmsten ausgehen?“

Interview mit Matthias Heitmann über sein neues Buch „Zeitgeisterjagd“, in dem die misanthropische und pessimistische gesellschaftliche Stimmung analysiert wird und Wege diskutiert werden, diese zu überwinden.

BFT Bürgerzeitung: Matthias, in Deinem neuen Buch betonst Du, wie stark der moderne Zeitgeist unsere Freiheit gefährdet. Wie meinst Du das?

Matthias Heitmann: Ganz gleich, über welches Thema man heute mit Menschen spricht: Überall geht man tendenziell eher vom Schlimmsten aus, sieht die Risiken und nicht die Chancen, betont das Schlechte und ignoriert das Gute. Diese Haltung führt in den meisten Fällen gerade nicht dazu, dass man sich tatkräftig engagiert, um die Dinge zum Positiven zu wenden. Wenn überhaupt, bringen sich Menschen heute ein, weil sie Schlimmeres verhindern wollen. Dieses Verhindern funktioniert zumeist darüber, dass menschliches Verhalten reguliert wird, dass individuelle Spielräume eingegrenzt und so letztlich den Menschen sowohl Freiheiten als auch Verantwortungen abgenommen werden.

BFT Bürgerzeitung: Du beschreibst, wie der gesellschaftliche Mainstream und die etablierten Kritiker zum „Querstream“ verschmelzen. Wie und warum geschieht das?

Matthias Heitmann: Im modernen politischen Denken haben Standpunkte, die man früher als „links“ und „rechts“ bezeichnen konnte, sowohl an Inhalt als auch an Bedeutung verloren. Wir können eine zunehmende Verwässerung und ein Überlappen der beiden ehemaligen Gegensätze beobachten. Sie treffen sich an dem Ort, den man „die politische Mitte“ nennt. Dieser Ort zeichnet sich dadurch aus, dass er von den Überbleibseln alter und gescheiterter Ideologien geflutet wird; er ist ein Ort des Scheiterns, gewissermaßen der Friedhof der alten politischen Ideologien. Dieses starke Gefühl des menschlichen Scheiterns ist der Kern des hier neu entstehenden Denkens. Es sieht den Menschen per se kritisch und setzt nicht mehr so viel auf ihn, stattdessen kümmert es sich stärker um andere Dinge und zieht daraus neue Energie, fast immer jedoch mit dem Verweis auf das Unvermögen des Menschen.

titel Zeitgeisterjagd web

BFT Bürgerzeitung: Aber eine grundsätzlich kritische Haltung kann doch auch Motor für Veränderungen sein? Oder bist du etwa nicht kritisch?

Matthias Heitmann: Viele sich als kritisch verstehende und auch so präsentierende Haltungen sind meiner Ansicht nach eher das Gegenteil. Die Kritik an gesellschaftlichen Strukturen, wie sie in den Zeiten von rechts und links anzutreffen war, ist mehr und mehr dem Misstrauen gegenüber dem Menschen an und für sich gewichen. Diese“ Menschenkritik“ beruht auf der Annahme, unsere Spezies sei von Natur aus egoistisch und gierig, handele verantwortungslos, habe unveränderbare Vorurteile und könne mit Freiheit nicht vernünftig umgehen. Ehrlich gesagt halte ich ein solches Denken für extrem rückwärtsgewandt und konservativ, auch wenn es sich in modernes Vokabular hüllt. Eine solche Sichtweise kann ausschließlich „Problemlösungen“ hervorbringen, die der weiteren Entmündigung der Menschen Vorschub leisten.

Das ist es, was ich unter Misanthropie verstehe. Sie prägt den heutigen Zeitgeist. Vergleichen Sie einmal die etablierten Politikangebote: Sie unterscheiden sich in der Regel nur darin, dass die einen eine noch rigorosere Verbotspolitik fordern als die anderen ohnehin bereits betreiben. Oder hat es in den letzten Jahren auch nur einen einzigen politischen Beschluss auf unserem Kontinent gegeben, der den Menschen mehr Freiraum verschafft hat?

BFT Bürgerzeitung: Wie äußert sich dieser Zeitgeist konkret? Kannst Du Beispiele nennen?

Matthias Heitmann: Letzte Woche sind zum Beispiel neue Zahlen zur globalen Lebenserwartung der Menschen veröffentlicht worden. Sie geben eigentlich Anlass zur Freude, denn: Die Menschen werden immer älter, und das weltweit! Doch was macht der „Spiegel“ daraus? Er betont, dass das steigende Alter der Menschen zulasten der Gesundheit gehe. Altwerden macht also krank und kostet Geld. Na herzlichen Glückwunsch! Das ist ungefähr so, als wenn man die sinkende Säuglingssterblichkeit dafür verantwortlich macht, dass die Zahl der Kindersoldaten steigt. Eine solche Interpretation geht über die philosophische Frage, ob ein Glas nun halbvoll oder halbleer ist, weit hinaus. Hier wird Realität bewusst verbogen und der eigenen Lesart angepasst.

Beispiele wie dieses findet man zuhauf. Ebenfalls letzte Woche wollte eine Freundin Flüchtlingskindern eine kleine Freude bereiten und Selbstgebackenes in einer Flüchtlingsunterkunft vorbeibringen. Die Verantwortlichen vor Ort machten daraus einen halben Staatsakt, das Ganze ging bis hinauf zum Landratsamt. Abgesehen davon, dass man meinte, die Muffins zunächst ärztlich untersuchen lassen zu müssen – wohl, um einen Anschlag zu verhindern –, sagte man ihr dann, das Ganze sei problematisch, weil 50 Muffins für 250 Flüchtlinge zu wenig seien und man davon ausgehen müsse, dass es zu Schlägereien käme. Letztlich kamen die Muffins dann zwar bei den Kindern an. Aber die Aussage des Herren vom Amt war bezeichnet: „Wir müssen immer mit dem Schlimmsten rechnen!“ Müssen wir das wirklich? Ist nicht gerade dieses Denken das eigentliche Problem, weil es nicht nur Hilfe verhindert, sondern auch menschliches Mitgefühl und Hilfsbereitschaft bombardiert?

Ein weiteres Feld, in dem sich der misanthropische Zeitgeist austobt, ist die stetige Debatte darüber, was man sagen darf und was nicht. Die Ideologie der politischen Korrektheit und die Forderung nach einem Verbot extremistischer Organisationen oder Äußerungen basiert auf der Vorstellung, dass die Menschen zu verwundbar, verführbar und labil seien, um die Freiheit des Andersdenkenden zu ertragen. Zensur dient in dieser Weltsicht also dem therapeutischen Schutz der Gesellschaft, und hier insbesondere von Minderheiten. Das Fatale ist, dass viele Kritiker des einen Verbotes gleichzeitig vehement andere Verbote fordern. Sie nehmen dabei immer den Standpunkt des „Senders“ ein und diskutieren dann, ob man dieses oder jenes noch sagen dürfe oder schon nicht mehr. Viel entscheidender wäre es aber, einmal die Perspektive zu wechseln und den Standpunkt des Lesers oder Zuhörers einzunehmen. Es ist so einfach, einem Nazi oder einem muslimischen Hassprediger den Mund verbieten zu wollen. Aber versuchen sie einmal, einem Hörer oder Leser vorzuschreiben, was er zu hören oder zu lesen hat. Dagegen regt sich glücklicherweise noch Widerspruch – noch!


BFT Bürgerzeitung: Wie kann man sich gegen diesen Zeitgeist zur Wehr setzen?

Matthias Heitmann: Der moderne Zeitgeist basiert auf einem grundsätzlichen und präventiven Misstrauen gegenüber allem und jedem, auch gegenüber einem selbst. Und hier liegt dann auch der Ansatzpunkt: Gegen Misstrauen hilft nur Vertrauen, und gegen Selbstzweifel hilft nur Selbstvertrauen. Damit meine ich nicht das moderne Selbstverwirklichungs-Pampern in den Schlammbädern unserer Wellness-Tempel, sondern das eigenständige und eigenverantwortliche Handeln in der Welt, ich meine den Blick in die Gesellschaft und nicht die Nabelschau, und ich meine die Abwehr von Fremdbestimmung und nicht den Rückzug ins Private. Der Grund, warum der öffentliche Raum heute mit Verbotsschildern gepflastert oder von wohlmeinenden Schubsern bevölkert wird, liegt in unserem mangelnden Selbstvertrauen. Erst wenn ich mir wieder etwas zutraue, habe ich einen Grund, dies auch von meinem Nachbarn einzufordern und ihn zu ermuntern, ebenfalls Verantwortung zu übernehmen und sich zu trauen, frei zu sein.

BFT Bürgerzeitung: Aber ist das nicht ein wenig naiv?

Matthias Heitmann: Es tut mir leid, einen komplizierteren Vorschlag zur Überwindung der Misanthropie habe ich nicht. Und der ist schon schwierig genug! In Zeiten, in denen in der Welt viel schiefläuft, das Vertrauen in die Menschen zu behalten und stärken zu wollen, fordert einem einiges ab. Man muss ständig einfachen Schwarz-Weiß-Erklärungen etwas entgegensetzen und damit leben, dass die eigene Sichtweise nicht immer die für andere Menschen naheliegende und einfach nachvollziehbare ist. Man muss auch damit leben, in die verrücktesten Schubladen gesteckt zu werden und wildeste Beschimpfungen zu hören, die sich eigentlich gegenseitig ausschließen. Aber die Große Koalition der Misanthropen wehrt sich eben. Und genau das macht die Jagd auf den Zeitgeist zu einem so stimulierenden, inspirierenden und befreienden Projekt.

Wir danken Dir für das Gespräch.


Lesetipp: Matthias Heitmann: "Zeitgeisterjagd. Safari durch das Dickicht des modernen politischen Denkens", erschienen im TvR Medienverlag Jena, Juli 2015, 197 S., 19,90€, zu bestellen beispielsweise hier.
Heitmanns Website findet sich unter www.zeitgeisterjagd.de.

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