Mittwoch, 01. April 2020

Warnung vor den Warnungen

Warnung vor den Warnungen
Spielen Sie ab und zu Lotto so wie wir? Alle paar Monate fordern wir das Glück auf, endlich die Richtigen, also uns zu treffen. Aber das Glück ist ein blindes Rindvieh und will einfach nicht verstehen, dass genau wir die idealen Kandidaten für eine höhere Gerechtigkeit wären. Genau wir hätten einen Lottogewinn mehr als andere verdient. Genau wir bräuchten eine Yacht vor Mauritius, ein arbeitsfreies Leben und die Genugtuung dem Chef mit einer Kündigung um die Ohren zu hauen, was für eine Charaktersau er ist.

Aber das Schicksal hatte bisher keinerlei Einsehen mit uns. Trotzdem träume ich alle paar Wochen so vor mich hin, wie es wäre, die sechs Richtigen mit Zusatzzahl getippt zu haben, bis eine doofe Fee mit ihrer Ziehung all meine Tagträume wieder jäh zerstört und ich auf dem harten Boden der Realität lande, einer Realität, die da heißt: Bis zur Rente werden wir noch für unser Ein- und Auskommen schuften müssen.

Außer den Lottoträumen habe ich auch noch andere Phantasien in petto, wie dem schnöden Arbeitsalltag zu entkommen sei. Ich überfalle eine Bank. Ein saudischer Prinz überweist mir irrtümlich eine Million, findet mich aber dann so toll, dass er das Geld nicht zurück fordert. Ein entfernter Verwandter vererbt mir sein Vermögen. Ich entschlüssele die Linearschrift A der alten Kreter und erhalte aus dem Verkauf dieses Wissens eine Million Pfund. Ich ermorde die steinreiche Tussi von schräg gegenüber und raube ihre Juwelen. 

Was mich in all dem wundert: Der Staat warnt mich nur vor Lotto. Nirgendwo steht an einer Litfaßsäule: „Eine Bank zu überfallen, kann zu Gefängnis führen.“ In keiner Radiosendung höre ich: „Wer die Tussi von schräg gegenüber ermordet, wird hart abgestraft!“ Und noch nie habe ich in einer Tageszeitung oder im Internet den Warnhinweis gelesen: „Vom Erbe entfernter Verwandter zu träumen, kann süchtig machen!“

Ein Onkel von mir ist Psychiater und erklärte mir schon als Kind, dass es stoffgebundene und nicht stoffgebundene Süchte gibt. Es ist ganz einfach: Bei den stoffgebunden Süchten ist der Körper einbezogen, bei den nicht stoffgebundenen Süchten kann im Prinzip alles zur Abhängigkeit führen: Einkaufen gehen, putzen, Hände waschen, Kinder überbehüten oder der Tussi von schräg gegenüber die Pest an den Hals zu wünschen. Es geht nicht mehr um die Sache an sich, sondern der Kopf wird nach einem bestimmten Ritual süchtig oder will mit Handlungen Ängsten entfliehen. Für die Arbeitssucht haben wir längst einen eigenen Begriff: „Workoholic“. Vor all dem werde ich aber nicht gewarnt, sondern nur vor dem Glücksspiel! Wenn ich ganz harmlos mit den Geburtstagszahlen der Kinder den Lottoschein ausfülle, fühle ich mich schon wie ein Halb-Junkie: „Noch einmal mehr und du hängst an der Spiel-Nadel!“ wird mir suggeriert, „noch einmal, und dann hilft nur noch ein grausamer Entzug!“

Nun soll es Leute geben, die tatsächlich eine Bank überfallen oder für Juwelen morden. Andere geben ihr Vermögen für Einkäufe aus und der Putzzwang ist legendär. Warum um Himmels Willen versagen Politiker und Gesellschaft so kläglich vor wichtigen, ernsthaften, weiteren Warnhinweisen?  Wenn ich morgen die Tussi von schräg gegenüber töte, werde ich den Richter hernach fragen: „Warum haben Sie mich nicht gewarnt und auf die möglichen Folgen meines Tuns aufmerksam gemacht? Wie konnte der Staat nur so leichtfertig alles seinen Lauf nehmen lassen?“

Sollte der Richter mir mit Eigenverantwortlichkeit für mein Tun und mein Leben kommen, werde ich scharf entgegnen: „Die ist doch abgeschafft! Wenn mich jemand vor den Folgen des Spielens warnt, dann muss er es doch noch viel mehr auch vor den weitaus schlimmeren Folgen eines Mordes tun!“ Der Richter wird den Kopf schütteln und etwas von „verdrehter Moral“ faseln. Oder er wird mir einen Vortrag über verdrehte Werte halten. Ein Mord ist ein Mord. Ein Spiel ist ein Spiel. Jeder weiß, was er tut. Und ich werde komplett verwirrt sein, denn eigentlich sehe ich es auch so: Ein Mord ist ein Mord und ein Spiel ist ein Spiel. Und nichts davon kann süchtig machen, wenn man den Mnschen nicht nach der neuen gesellschaftspolitischen Mode einordnet: Man schafft mal schnell den freien Willen ab und erklärt den Menschen zu Opfer von wem auch immer (Kapitalismus, frühkindliche Prägung, Minderheit – ach, das Angebot ist riesig! Sie werden die Qual der Wahl haben!). Ratz fatz können damit freie Willensentscheidungen zu Krankheiten umgedeutet werden. Wenn ich zu oft Lotto spiele, werde ich ein Opfer der bösen Spielindustrielobby, mein freier Wille ist außer Kraft gesetzt, ich werde süchtig.

Der Richter, ein alter, gebildeter Herr, wird womöglich einwenden, ob ich Kafka nicht gelesen hätte und nicht wüsste, wie ein Mensch über Nacht zu einem Käfer und Opfer mutieren könne. Das sei gar nicht lustig und kein Spiel.

„Klar“, würde ich antworten. Das Leben ist kein Spiel und Mord bleibt Mord. Aber warum wird ein Spiel plötzlich allerorten zur schlimmen Gefahr hochgejazzt, während es Mord und Totschlag auf der ganzen Welt gibt? Hätte er schon mal vom Unterschied zwischen Süchten gehört? Und warum überhaupt würde so Vieles im Leben, das Spaß macht, plötzlich zur Suchtgefahr erklärt? Hätte er sich schon einmal mit dem Begriff „Sehnsucht“ auseinander gesetzt? Der Begriff hat im Süddeutschen eine steile Karriere hinter sich, nachdem man Jahrhunderte nur von „Zeitlang“ gesprochen hat. Die Zeit wird lang, wenn man den Geliebten vermisst. Mit Sucht hat die Liebe nichts zu tun. Aber der Richter würde nach solchen Ausführungen wohl eher ein psychiatrisches Gutachten von mir anfordern, als diesen Überlegungen zu folgen.

„Glücksspiel kann süchtig machen“ – diese vier Wörter fassen einen gesellschfatspolitischen Trend zusammen, der sich in folgende drei Haupt-Komponenten zerlegen lässt:

Erstens: Man streitet uns den freien Willen ab und stempelt uns damit in letzter Kosequenz als unzurechnungsfähig ab.

Zweitens: Die Verantwortlichkeit für das Handeln jedes Individuums wird zunehmend außerhalb des Menschen verortet. Wenn eine wie auch immer geartete Gesellschaft uns prägt und bestimmt, können wir wie Kleinkinder die Schuld auf andere schieben – aber eben zum Preis des freien Willens.

Drittens: Vergnügen und Lust (mit Ausnahme der sexuellen, die als Relikt einer Auflehnung gegen den autoritären Mief hielt) werden immer mehr als bedrohlich wahrgenommen und assoziativ in die Nähe von Krankheit und Sucht gerückt. Jeder Neospießer ist daran zu erkennen, wie er die sexuellen Freiheiten begrüßt, aber nicht wahrnimmt, dass er selbst sich im Alltag zunehmend das sinnliche Vergnügen verwehrt. Die positiven Seiten des Hedonismus werden gerade in der nächsten Biotonne entsorgt.

Überall lauerten nur Gefahren, die der Mensch nicht einschätzen könne und der Staat erhebt sich zum Meister der Warnungen. Wie im Mittelalter sollten wir unserem eigenen Kopf abschwören und unserer Vernunft nicht mehr trauen, denn überall sitzt der Teufel im Hinterhalt und will uns ins Verderben reißen. Eine der größten Errungenschaft der Aufklärung war das Vertrauen in den Menschen und seinen freien Willen. Nicht mehr Gott oder der Satan bestimmten unsere Geschicke, sondern wir selbst. Jetzt beten wir das alte Glaubensbekenntnis mit ein paar ausgetauschten Begriffen neu. Nicht mehr ein böser Teufel verführt uns, sondern der Kapitalismus mit solchen Ausgeburten wie Spielindustrielobbies. Wir sind wieder Sünder, wenn wir ein Tortenstück zu viel essen oder spielend über die Stränge schlagen. 

Sigmund Freud sagte: „Das ICH ist nicht Herr im eigenen Haus.“ Die Übertragung dieser These von tatsächlich Kranken, denen Dr. Freud half, auf alle Gesunden der Gesellschaft legte eine verhängnisvolle Grundlage auf die Sicht des heutigen Menschen. Die Epigonen des klugen Wiener Denkers sprachen den Menschen immer mehr die Vernunft und den Verstand ab, nicht zuletzt aus dem Eigeninteresse, ihre Praxen zu füllen. Gesellschaftspolitisch bleib wie ein Abrieb dabei hängen: Der Mensch wird a priori nicht mehr als ganz bei Sinnen und stets als manipulierbares und verführbares Wesen gedacht.

Mit dieser Sichtweise auf die Menschen kehren wir freiwillig in ein finsteres Mittelalter zurück. Wenn dem Menschen und seinem freien Willen nicht mehr vertraut wird, fällt der wichtigste Grundsatz für eine moderne Gesellschaft mit ihren Spielregeln früher oder später wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Denn nur im aufgeklärten Menschen selbst, so defizitär er auch sein mag, finden sich die Kräfte für eine Gesellschaft, wie wir sie haben: Wunderbar frei, wunderbar offen, wunderbar menschlich. 

Wenn es heute Warnhinweise bedarf, dann solche: „Misstrauen in den Menschen kann die Aufklärung zerstören.“ Oder: „Misstrauen in den Menschen kann die Demokratie ernsthaft gefährden“. Oder: „Misstrauen in den Menschen führt zu Kriegen, in denen Sie alles verlieren.“

Ich gehe jetzt gleich mal Lotto spielen. Und wenn das Schicksal ein Einsehen mit mir und der Gerechtigkeit hat, lässt es mich eine Million Euro gewinnen. Mit diesem Geld lasse ich dann die Warnhinweise zum Misstrauen in den Menschen als große Anzeigen im www veröffentlichen und gedruckt überall im Land an Litfaßsäulen plakatieren.

Monika Bittl

Bild: Fotolia

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